Kultur
als Politischer Begriff
Wenn Politiker ein Wort gebrauchen ist das etwas anderes, als wenn andere
Menschen dasselbe Wort gebrauchen. Sie verkünden nicht nur ihre Meinung oder
die ihrer Partei, sondern sie beeinflussen mit ihren Äußerungen die Redeweisen
der Gesellschaft (i.e. den gesellschaftlichen Diskurs). Ihre Worte sind
politische Worte und sind Teil der Begrifflichkeit, durch die wir unser Weltbild
sehen. Politische Worte sind, anders als gewöhnliche Worte, nicht einfach
Bezeichner einer Sache, sie sind Akteure im gesellschaftlichen Diskurs. Sie
versuchen die Aufmerksamkeiten und Argumentationen in bestimmte Bahnen zu lenken
und transportieren wie trojanische Pferde bestimmte Sichtweisen in die Köpfe
der Menschen. Politische Worte erschöpfen ihren Sinn daher nicht in der
Bedeutung, sondern man muss darüber hinaus nach ihrer Funktion innerhalb des
Diskurses in dem sie stattfinden fragen. „Leitkultur“ ist ein solches
politisches Wort. Woher kommt es? Was will es?
Die meisten Herleitungen von „Leitkultur“ kommen nicht über Bassam Tibi
hinaus, der im Zusammenhang mit der europäischen Integration von „europäischer
Leitkultur“ gesprochen hatte. Doch „Kultur“ als politischer Kampfbegriff
ist deutlich älter und kaum ein CDUler wird wohl ahnen, dass das verwendete
Kulturkonzept wesentlich von marxistischen Denkern geprägt wurde. Deshalb hier
eine kleine Abhandlung über den Begriff der „Kultur“ und seine Verwendung für
politische Zwecke.
Die wesentliche Grundlage für die Entwicklung des Kulturbegriffs war die Aufklärung,
also in „Deutschland“ (das es damals noch nicht gab) das späten 18.
Jahrhundert. Deutschland hinkte der Entwicklung in Frankreich und England
hinterher und litt insbesondere unter der Zersplitterung in zahlreiche kleine Fürstentümer.
Deshalb war für die deutschen Intellektuellen das Programm der Aufklärung,
also der (geistigen) Befreiung des Menschen, eng verknüpft mit der Überwindung
der Feudalherrschaft und der nationalen Einheit. Der Begriff „Kultur“ hatte
dabei jedoch eine ganz andere Bedeutung als heute. Er bezeichnete das, was wir
heute vielleicht „Fortschritt“ nennen würden, allerdings nicht in
technischer, sondern in geistiger Sicht, also eine Überwindung der menschlichen
Unmündigkeit. Heute würden wir das wohl „Kultiviertheit“ oder „Reife“
nennen (beides etwas antiquierte Begriffe, die zeigen, wie wenig man sich heute
darüber Gedanken macht). Insofern war Kultur auch kein nationales Gut,
geschweige denn etwas, worin man angeleitet werden könnte (höchstens im Sinne
von Bildung und Entwicklung der Urteilskraft). Johann Gottfried Herder (einer
der großen deutschen Humanisten) sprach folglich auch nicht von „deutscher“
oder „englischer“ Kultur sondern von „einiger“ Kultur, welche bei allen
Völkern der Welt vorhanden wäre. Allerdings entstand in dieser Zeit auch der
Begriff des „Volks“ als einer Sprach und Sittengemeinschaft, die als
„Nation“ die überkommene Feudalherrschaft ablösen solle (besonders günstig
war dazu, dass der Adel damals französisch sprach und die lokalen Sitten als bäuerlich
und primitiv verachtete).
In der Nachfolge Herders wurde der humanistisch, aufgeklärte Kulturbegriff
weiterentwickelt, beispielsweise von Hegel. Die nationalen Eigenarten galten als
gleichberechtigte Nuancen der sich weltweit entwickelnden Kultur. Herder führt
jedoch auch den „Volksgeist“ ein, der die „Taten und Richtungen des Volkes
hervortreibt“ und sich in Religion, Wissenschaft, Künsten, Schicksalen und
Begebenheiten entfaltet. Hierin kommt der „deutsche Idealismus“ (eine durch
Herder wesentlich geprägte Philosophie) zum Ausdruck, der von der Existenz sich
selbst verwirklichender Ideen ausgeht. Der „Volksgeist“ ist eine solche
Idee, die sich im realen Volk verwirklicht. Noch immer wird „Kultur“ also
nicht national gedacht, sondern als „geistige Bildung“ verstanden. Daran ändert
auch die im 19. Jahrhundert aufkommende Kritik durch Marx und Engels nichts. Sie
kritisieren vor allem das rein geistige Verständnis von kultureller Entwicklung
und setzen dagegen den Begriff der Arbeit. „Kultur“ erwirbt man dem gemäß
nicht hauptsächlich durch Bildung, sondern durch die tätige Gestaltung seines
Lebensumfelds. Der Arbeiter wird zum eigentlich Kulturschaffenden. Zur gleichen
Zeit wird „Kultur“ auch ein politischer Kampfbegriff, denn aufbauend auf
Marx und Engels entwirft Lenin die Vision der proletarischen Revolution, die die
„Kulturgeschichte“ zu ihrer Vollendung treiben sollte. Zur Frage, wer die
legitime Macht im Staate habe, wird von Seiten des Bürgertums mit der
„Nationalkultur“ argumentiert, die es repräsentiere. Lenin setzt dagegen,
dass es in jeder nationalen Kultur zwei Kulturen gäbe, nämlich eine Kultur der
Bourgeoisie und eine des Proletariats, die so unterschiedlich seien wie zwei Völker.
Lenin ideologisiert den Kulturbegriff, indem er zwischen bürgerlicher und
sozialistischer Kultur unterscheidet. Die angestrebte Revolution nennt er daher
„Kulturrevolution“.
Abgesehen von Russland scheitert die „Kulturrevolution“ in den meisten europäischen
Staaten. In der dadurch einsetzenden Krise des Marxismus-Leninismus sehen sich
einige Vordenker (wichtig: Gramsci, Italien) gezwungen, den postulierten
Automatismus der Revolution in Frage zu stellen und stattdessen eine aktive
„Kulturpolitik“ zu betreiben, die die Kluft zwischen Intellektuellen und
Volksmassen schließen soll.
In Deutschland kommt der Nationalsozialismus dazwischen. Diesem ist „Kultur“
kein geeigneter Begriff und man redet lieber vom „Volkstum“. Da die Zugehörigkeit
zur deutschen „Volksgemeinschaft“ ausschließlich über die „Rasse“
gedacht wird, besteht auch keine Notwendigkeit, eine kulturelle Gemeinschaft zu
beschwören. Sie stellt sich vielmehr automatisch ein, wenn alle
„fremdrassigen“ Menschen verschwunden sind.
Der heutige Begriff der „Kultur“ speist sich also einerseits aus den
revolutionären Ideen des späten 18. und frühen 19. Jhdts., dass es separate
„Völker“ gäbe, die sich in „Nationen“ organisieren, und andererseits
aus der marxistisch-leninistischen Idee, dass „Kultur“ eine verbindende
weltanschauliche Ausrichtung von Menschen sei. In dem Begriff „Leitkultur“
vereinigen sich so einerseits die Vorstellung, zu jedem Ort gäbe es die ihm gemäße
Kultur, und andererseits die Vorstellung, eine gleiche Kultur zwischen Menschen
sei Wurzel des Gemeinschaftsgefühls und notwendig für Konfliktfreiheit..
Beides sind Vorstellungen, die zu unterschiedlichen Zeiten zur Durchsetzung
politischer Ziele in den gesellschaftlichen Diskurs eingebracht wurden. So
stellt auch „Leitkultur in Deutschland“ fast unmerklich die Fragen nach der
nationalen Souveränität und inneren Stabilität in Deutschland und bindet so
Globalisierungs- und Europäisierungsängste genauso in die Debatte ein, wie
Bedrohungs- und Zerfallsfantasien anlässlich einer immer komplexer werdenden,
postmodernen Welt. Die „Ausländerfrage“ wird emotional aufgeladen und als
Projektionsfläche für andere Probleme angeboten, um daraus politisches Kapital
zu schlagen. Alles in allem ist die „Leitkultur in Deutschland“ wohl eher
aus politischem Kalkül in den Diskurs eingebracht worden, denn als Ausdruck
CDU-eigenerÜberfremdungsängste. Aber wenn ein trojanisches Pferd erst mal
drinnen ist, muss man sich damit auseinander setzen, ob es einem gefällt oder
nicht. (fmh)
PS: Vom Marxismus-Leninismus eine Linie zum Kulturbegriff der CDU zu ziehen ist wahrscheinlich etwas gewagt, zumal meine Kenntnis der konservativen Nachkriegsliteratur gering bis gar nicht ist und ich somit nichts über die Verbindungen zur bürgerlich-nationalen Kulturidee sagen kann. Es geht aber letztlich auch nicht um eine historische Kontinuität, sondern darum, wie der Kulturbegriff als Teil politisch-ideologischer Kämpfe gebraucht wurde und darüber seinen ursprünglichen Sinn, der Befreiung des Geistes im Gebrauch des eigenen Verstandes, verlustig ging. Zum Schluss daher Kant, den die CDU wahrscheinlich auch gern zur deutschen Leitkultur zählen möchte: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“ (Kant: Was ist Aufklärung? in: Werke Xl, Frankfurt/M 1964, S.53)
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