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Wie alt ist der Weihnachtsmann?

Weihnachten! Heidnisches Ritual oder christliches Fest, Zeit der Besinnung oder Partytime?
Egal, jeder feiert, wie's ihm/ihr beliebt und vor allem, wie er/sie es gewohnt sind. Weihnachten ist vor allem Tradition und entzieht sich renitent dem Zeitgeist und der schnellen Veränderung, denkt man und irrt. Unser Weihnachtsbrauchtum ist so zwischen 50 und 200 Jahren alt und wurzelt fester in der Moderne, als mancher glauben mag.
Los geht's bei uns mit dem Advent, dem countdown zur Niederkunft. Ursprünglich 40tägig, zählte man seit dem 14. Jhd. 24 Tage und markierte sie mit allerlei lokalem Brauchtum. Davon erhalten sind vor allem das Plätzchenbacken und der Adventskalender, letzterer, in Anpassung an das moderne bildsatte und zuckergeile Publikum, gern mit Schokolade.
Der Adventskranz ist relativ jung und wird erstmals 1830 von Johann Hinrich Wichern (Gründer des Rauhen Hauses) erwähnt, der allerdings noch 24 Kerzen anzündete. Die Verkürzung auf 4 Kerzen stammt vermutlich erst aus der Jahrhundertwende und damit auch der ewige Streit zwischen Reihen- und Wechselbrennern.
Vom ersten Advent ist es nicht mehr lang bis zum ersten Höhepunkt: Nikolaus, die ejaculatio praecox der Weihnachtszeit. St. Nikolaus ist seit dem Altertum einer der beliebtesten Heiligen und einer der beiden Väter des Weihnachtsmannes (s.u.). St. Nikolaus, gewöhnlich im bischöflichen Ornat dargestellt und begleitet von seinem dämonischen Knecht Ruprecht, beschützt die Kinder und bringt ihnen Geschenke.
Die Reformation bekämpfte den Heiligenkult und versuchte, die Christusverehrung in den Mittelpunkt zu rücken. Im protestantischen Norden wurde daher der Nikolaus als Geschenkbringer mit dem Christkind (das nicht identisch mit dem Jesuskind sein sollte) ersetzt. Noch in den 40er Jahren zerfällt Deutschland in einen nordöstlichen Christkindteil und einen südwestlichen Nikolausteil.
Erst dem Weihnachtsmann sollte die verbindende Brücke gelingen. Er ist sozusagen eine Amalgamierung aus St. Nikolaus und Knecht Ruprecht. Von ersterem übernimmt er das bischöfliche Rot, von letzterem den Pelzmantel, von St. Nikolaus den Bischofsstab und von Ruprecht die Rute. Der Weihnachtsmann erscheint erstmals 1847 als "Herr Winter" im Münchener Bilderbogen.
Kulturkundler sehen ihn gern in Zusammenhang mit dem Aufstieg der bürgerlichen Kleinfamilie. Der autoritäre Vater (Rute) arbeitet irgendwo außerhalb (draus im Walde), von wo er den Wohlstand (Geschenke) der Familie sichert. Die Frau putzt und schmückt derweil Heim und Kinder. Die Kinder sind artig und streben nach höherer Bildung (Gedichte aufsagen). Eine ganz ähnliche Motivik bietet uns auch das bekannte Weihnachtsmärchen "Hänsel und Gretel" aus derselben Zeit. Hier tritt uns die alleinstehende und wirtschaftlich unabhängige Frau als Kinder bedrohende Hexe entgegen.
Daneben bediente die Weihnachtsmannfigur auch säkulare Tendenzen und verdrängte etwa in der kommunistischen Sowjetunion als "Väterchen Frost" den von der orthodoxen Kirche hochgeschätzten St. Nikolaus. Auch bei uns mutiert der erhabene Bischof St. Nikolaus als Weihnachtsmann schnell zum kleinen, dicken Männchen. Der Bischofsstab wird zum Wanderstock oder zur Tanne und weil Geschenke mehr wiegen als der bischöfliche Segen braucht er bald ein ganzes Schlittengespann um seinen Geschenksack zu transportieren.
Damit ist der Weihnachtsmann, beliebt und konfessionslos, ein idealer Werbeträger und steht bei nahezu allen großen und kleinen Unternehmen unter Vertrag. Er verdrängte im protestantischen Deutschland zunächst das Christkind und setzte sich durch seine kommerzielle Nutzung allmählich in ganz Deutschland durch.
Abschließend bleibt die Herkunft des Weihnachtsbaums zu klären. Immergrüne Gewächse winters als Stubenschmuck zu verwenden, ist schon seit dem Mittelalter bezeugt, darunter auch kleine Bäumchen, die mit der Spitze nach unten an die Decke gehängt wurden. Wahrscheinlicher aber entstand der Weihnachtsbaum aus den sog. "Wintermaien", die sich seit dem 16. Jhd. im deutschsprachigen Raum verbreiteten. Hierbei wurde, analog zum Maibaum, eine große Tanne oder Fichte auf dem Dorfplatz errichtet, geschmückt und umtanzt, wobei auch allerlei Tumult vorgekommen sein soll, was sich bekanntlich positiv auf die Quellenlage auswirkt. Dieser Weihnachtsbaum wandert dann seit dem 17. Jhd. vermehrt in den häuslichen Bereich. Noch im 18. Jhd. bekam übrigens jeder Beschenkte seinen eigenen Baum, in dessen Zweige die Geschenke gebunden waren. Mit zunehmender Menge und Größe der Geschenke wanderten diese dann aber unter den (einen) Baum, der stattdessen Miniaturen der Gaben trug.
Das Bild des festlich geschmückten Weihnachtsbaums, den die verzückte Familie mit glänzenden Augen bestaunt, ist weltweites Sinnbild der "Deutschen Weihnacht" geworden. Vorbildfamilie war zunächst die preußische Königsfamilie und später die Familie des deutschen Kaisers, über deren Weihnachtsfeste öffentlich berichtet wurde. Über dynastische Bindungen gelangte der Weihnachtsbaum dann auch in die anderen europäischen Herrscherhäuser in Wien, Moskau, Paris und London. Nach Amerika kommt er mit deutschen Auswanderern und ist seit 1830 nachgewiesen. Die praktischen Amerikaner erfanden dann auch die Beleuchtung mit Gaslampen und später Elektrokerzen, die es ermöglichte, den feuergefährlichen Baum auch in öffentlichen Gebäuden und im Garten aufzustellen. So wanderte der Weihnachtsbaum allmählich wieder in den öffentlichen Raum zurück und bildet heute einen festen Bestandteil der Vorweihnachtsdeko.
Zusammengefasst stammt der Großteil unserer Weihnachtsbräuche also aus dem 19. Jahrhundert und ist somit selten älter als 150 Jahre. Insbesondere der Leitgedanke der bürgerlichen Familie hat sich tief in die Festgestaltung eingegraben und Weihnachten in die heimelige Privatheit der eigenen vier Wände eingeschlossen. Die Verdammung des "Rummels" und die Betonung von Friede und Liebe gehen in die gleiche Richtung. Andererseits durchbrechen X-mas-parties und alternative Festgestaltungen die familiäre Seligkeit. Rituale sind halt wandelbar und wer weiß, wie Weihnachten in 50 oder 100 Jahren gefeiert wird?

Soweit Frohe Weihnachten, merry x-mas, god Jul usw. FMH

Literatur:
Werner Mezger: Sankt Nikolaus. Zwischen Kult und Klamauk. Schwabenverlag, 1993.
Rüdiger Vossen: Weihnachtsbräuche in aller Welt. Christians, 1985.
Ingeborg Weber-Kellermann: Das Weihnachtsfest. Eine Kultur- und Sozialgeschichte der Weihnachtszeit. Bucher, 1978.

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