kulturost

OFFENER BRIEF AN DIE STADTTEILZEITUNG U3

Natürlich ist es schade, über die Einstellung einer Stadtteilzeitung zu erfahren. Ich halte es für grundsätzlich wichtig, daß der Stadtteil nicht nur über sich im speziellen erfährt und auch nicht nur, daß der Stadtteil über den Tellerrand hinausschaut, sondern auch, daß überregionale Geschehen über den Tellerrand in die einzelnen Stadtteile hineingelangen. Diese Blickrichtung erachte ich als ebenso wichtig, und dies erfüllt nach meiner Ansicht eine Stadtteilzeitung. Keine überregionale und auch keine regionale aber kommerzielle Zeitung scheint wirklich die Geschehnisse und ihre Inhalte des Stadtteils zu erfassen.

Ich muss zugeben, daß ich die U3 lediglich zweimal gelesen habe, und dies nur aus purem Zufall. Aber ich lebe nicht in Billstedt. Mein Einzugsbereich wird vom kulturost gedeckt. Doch dies soll mich nicht davon abhalten, die Einstellung einer anderen Stadtteilzeitung als zu vermeiden zu betrachten. Nachdem ich in der Mai-Ausgabe der U3 den Artikel "Die Tage der Stadtteilzeitung U3 sind gezählt" gelesen habe, stellt sich für mich noch die Frage, was konkret der Auslöser ist. Es ist einerseits spannend, von euch noch einmal "zusammengefasst" zu bekommen, welche Inhalte bei euch nachzulesen waren bzw. euch wichtig erschienen, andererseits spricht der ganze Artikel dafür, die Stadtteilzeitung zu erhalten. Ich sehe erst mal keinen Grund für eine Auflösung. Nun bin ich natürlich nicht ganz bescheuert und kann Gründe erahnen, die meist finanzieller oder materialmangelnder Natur sind. Mich würde es dennoch interessieren, weshalb ihr aufhört. Wie's das Schicksal so will, stellt sich mir die Frage nicht nur euretwegen, sondern auch des Kulturostes wegen: ich bin ein Redaktionsmitglied (oh! Welch coming out!). Der kulturost lebt, aber er knabbert. Er hat seine jedem bekannte Gründe. Hauptsächlich mangelt's an Material von externen Schreibern und über das Datum hinausgehenden Veranstaltungshinweisen. Sicher ein Grund, von dem jede Stadtteilzeitung ein Lied singen kann, doch ob damit eine Einstellung erfolgt, dürfte schließlich bei jeder verschieden gewichtig ausfallen. Eurer Grund ist mir unbekannt. Wenn ich nun aber von den verschiedenen "Liedern" verschiedener Stadtteilzeitungen höre und dann noch die Nachricht einer Einstellung veröffentlicht wird, stellt sich mir wieder mal die Frage nach Sinn und Bedarf einer Stadtteilzeitung. Beides wird bei einer Einstellung schließlich von irgend jemandem nicht nur in Frage gestellt, sondern auch für nichtig erachtet. Und dieser jemand kann Leser, Finanzier, Redakteur und anderer sein. Das würde mich in eurem Fall durchaus interessieren, und nicht nur mich. Nun denn, damit verbleibe ich erst mal und schaue dann in eure Juni-Ausgabe. Eurer Ankündigung entnehme ich, daß ihr wohl eine Antwort darauf bereits geplant habt.

Ute für die Kulturostredaktion

 

Auszug aus der Mai98 Ausgabe der U3

Die Tage der U3 sind gezählt!

Eine Nachricht, die einige erfreuen wird, bei anderen wiederum auf Unverständnis stoßen wird. Parallel zur Sommerpause wird die letzte Ausgabe der Stadtteilzeitung U3 erscheinen und nach sechs- jähriger Wirkungszeit und knapp 70 Ausgaben die Arbeit einstellen. Für einige eine links-radikale Zeitung, für andere eine überflüssige Zeitung, die sich anmaßte, über Themen in Billstedt/ Horn zu berichten, die hier im Stadtteil nun wirklich nichts zu suchen haben, z.B. Infos über die bundesweite Anti-AKW und Anti-Castor-Bewegung, zu Rassismus und antifaschistische Aktionen (hier und anderswo), ja es gab sogar Artikel zum Golfkrieg, zum Bürgerkrieg in Ex-Jugoslawien und die U3 hatte es sogar gewagt, über die radikal zu berichten. Aber nicht nur diese Themen wurden angesprochen, sondern auch die Atombombentests auf dem Mururoa-Atoll, der 50. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus, die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung, die faktische Abschaffung des Asylrechts, die Schließung des Hafenkrankenhauses, etc. Unseres Erachtens waren dies jeweils wichtige Informationen, die über den Tellerrand Billstedt/Horns hinausragen (sollten), deswegen haben wir sie bis zum heutigen Tage kontinuierlich im Programm gehabt. Im Mittelpunkt stand und steht für die noch verbleibende Zeit aber der Stadtteil Billstedt/Horn. Wir woll(t)en über wichtige Aspekte des Stadtteils und der Bewohnerlnnen berichten, wir haben uns stets über - leider viel zu wenige - Artikel aus und über den Stadtteil gefreut, waren über jede Anmerkung und Kritik erfreut, denn es war immer unser Ziel, die Stadtteilzeitung als ein Medium des Austauschs und der Auseinandersetzung zu nutzen. Wir wollten stets den Menschen, Institutionen, Einrichtungen und Vereinen eine Möglichkeit bieten, sich darzustellen und zu informieren. Wir wollten stets auch eine Form der Gegenöffentlichkeit bieten - dieses haben wir bis zum heutigen Tage durchgezogen.

So haben wir Antirassismus und den Widerstand gegen den Transrapid ganz groß auf unsere ,Fahne' geschrieben. Wir können zwar nicht im Detail nachweisen, daß der Protest gerade hier in Billstedt und angrenzenden Bezirken gegen den Transrapid durch Dutzende von Artikeln in der U3 besonders ausgeprägt ist, doch lässt es andererseits doch die Vermutung zu, einen Teil dazu beigetragen zu haben.

Wir möchten an dieser Stelle den "BillstedterInnen gegen Transrapid' danken, die uns stets auf dem aktuellsten Stand hielten und uns jederzeit die neuesten Infos zukommen ließen. Weitaus schwieriger ist eine Bewertung der Frage, "Was haben unsere Artikel über Antirassismus und rassistische Tendenzen bewirkt?". Allein die Betrachtung der letzten Wahlergebnisse lässt vermuten, daß die U3 nicht sehr viel bewirkt hat. Teilweise kamen wir uns aber auch wie die berühmten einsamen Rufer im Wald vor, denn es war generell viel zu wenig von antifaschistischen und antirassistischen Aktionen zu merken. Lieber aussitzen und schweigen als aktiv werden'. Hierzu empfiehlt es sich, den Artikel über das Jugendzentrum Startloch aus HH-Rahlstedt zu lesen, die in sehr lobenswerter Form aus diesem ,Versteck' ausbrechen. Es wäre wünschenswert, wenn sich auch in Billstedt/Horn Einrichtungen, Institutionen und Verbände mit ähnlichen Beschlüssen zusammen schließen würden! Für uns ist es stets wichtig gewesen, etwas gegen den zunehmenden Rassismus zu unternehmen, denn es wird von Tag zu Tag erschreckender, auf welchem Niveau ,Stammtischreden' stattfinden, es ist vielerorts mittlerweile salonfähig geworden, rassistische Sprüche zu klopfen. Vor einige Jahren fanden noch Lichterketten gegen Rassismus statt, hunderttausende beteiligten sich an diesen Aktionen, heutzutage würden sich vermutlich viele die Finger an den Kerzen verbrennen. Massenarbeitslosigkeit - das Menetekel der Gegenwart. Nicht nur hier in der BRD ist das Aufkeimen nationalistischer und rassistischer Tendenzen zu bemerken, auch in vielen Nachbarländern boomen rassistische Parteien, der Ruf ,Ausländer raus' wird immer lauter. Parallel baut die zusammenwachsende europäische Union die Festung Europa aus und sperrt so viele Flüchtlinge aus, die sog. Flüchtlingspolitik wird von Tag zu Tag repressiver, die Kontrollen schärfer, die Abschiebeknäste größer. Trotz der herrschenden Politik, die vor allem dadurch bestimmt zu sein scheint, den Wünschen der Rechten nachzukommen, wächst die allgemeine nationalistische Grundstimmung - wohin wird dieser Weg noch führen?

Aber wir haben in der U3 auch über viele andere Themen berichtet, Interviews durchgeführt, Veranstaltungshinweise bekannt gegeben, Umfragen gestartet und über die großen und kleinen Nichtigkeiten des Alltags berichtet. So waren wir immer bestrebt, den PolitikerInnen des Ortsausschusses auf den ,Zahn zu fühlen', haben diese interviewt, belauert und auch über eher private Dinge berichtet. Diese Gespräche und Interviews, die in sehr lockerer Atmosphäre stattfanden, waren für uns stets ein sehr wichtiges Instrument und haben uns meist viel Spaß bereitet, sei es nun mit den jeweiligen Ortsamtsleitern Elwart und Schiedeck, mit PolitikerInnen wir Eva Scholz von der SPD oder sein es Interviews mit MitarbeiterInnen verschiedenster Einrichtungen und Institutionen. Dies hatte u.a. dazu beigetragen, daß die Idee erwuchs, in Zusammenarbeit mit anderen sozial und gesellschaftspolitisch engagierten Leuten (Stadtteilprojekt Sonnenland) einen ,Sozialwegweiser von Unten' zu erstellen, der schon kurz nach seinem Erscheinen vergriffen war. Wir haben zum Beispiel über Sparmaßnahmen und Entwicklungen in den Billstedt/ Hornet Einrichtungen informiert, die fragwürdigen Bebauungspläne Billstedt/Horns kritisch beleuchtet, den Zustand der Bahnhöfe an Hand von Kriterien des ADFC betrachtet, sog. Sicherheitskonzepte der Polizei vorgestellt, die Frauenkulturtage begleitet, Bewohnerinnen-Initiativen vorgestellt, Entscheidungen des Ortsausschusses Billstedt kommentiert, auf das Kulturpalast-Programm und andere Veranstaltungen im Stadtteil hingewiesen, kontroverse Diskussionen aus dem Stadtteil aufgegriffen und vieles mehr.

Dies ist demnächst nur noch Geschichte, denn die U3 stellt Ihre Arbeit ein. Wir würden uns natürlich freuen, wenn wir eine Resonanz auf die Einstellung der Stadtteilzeitung U3 bekommen würden, positiver oder negativer Art. In der nächsten Ausgabe werden wir uns weitergehend mit dem Ende der Stadtteilzeitung befassen!

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