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In der Tat geht es in dieser Ausgabe der Spielwelt weder um Regelwerke, noch um die handelnden Figuren, sondern um die Entstehung des Fantasy-Genres. Dieser Artikel beruht auf Texten aus »Das große Buch der Fantasy« von Michael Görden, und wird hier gekürzt und adaptiert wiedergegeben. Los gehts:

Die Literatur ist reich an frühen Vorbildern für die Fantasy. Sie reichen von der Beowuif-Sage, Malorys König Artus, des Utopia des Thomas Morus bis hin zu Jonathan Swifts Gullivers Reisen. Von der Erfindung eigener Welten kann man erst bei Morus und Swift sprechen, die zunächst philosophischen und satirischen Zwecken der Autoren dienten.

Ein wichtiger Vorläufer der Fantasy ist Beckfords »Vathek« (1786), der das seltsame Schicksal des gleichnamigen Kalifen im Stil von »Tausendundeine Nacht« als phantastisches Abenteuer schildert. Ein anderer phantastischer orientalischer Roman ist »The Shaving of Shagpat« (1855) von George Meredith. Diese Bücher dürften für viele spätere Autoren eine Anregung gewesen sein, doch haben ihre Autoren keine eigenen Welten erfunden, sondern sich an die orientalische Tradition von »Tausendundeine Nacht »angelehnt.

Der erste echte Konstrukteur völlig neuer Welten war Lewis Carroll mit seinem »Alice im Wunderland« -einem Wunderland, wie es wohl nur ein Oxfordprofessor für Mathematik erfinden konnte der unter Pseudonym Kinderbücher schrieb. Carrolls Wunderland (das seit 1865 ständig irgendwo im Druck gewesen sein dürfte) stellt eine völlig in sich geschlossene Welt mit furchtbar verdrehten, aber in ihrer Absurditäten sich logischen eigenen Naturgesetzen dar. Es ist keine Welt der mystischen Abenteuer, aber eine, die zur Erfindung künstlicher »Wirklichkeiten« äußerst anregend wirkt. Carroll begründete offenbar eine Art Tradition unter Oxford- Professoren, imaginäre Welten zu entwerfen die hundert Jahre später mit Tolkiens »Herr der Ringe« ihren vorläufigen Höhepunkt fand.

Eine weitere wichtige Quelle für Fantasy-Autoren, insbesondere auch für den Begründer dieser Literaturrichtung, William Morris, ist das englische Märchen mit seinen Geschichten von der Welt der Elfen. Eine fremde Welt des Zaubers und der Magie neben unserer spielt in den Kunstmärchen und Romanen des Schotten George MacDonald eine entscheidende Rolle. Er war kein Erfinder neuer Welten, aber ein Erfinder neuer Mythen, und diese Tradition haben viele Fantasy-Autoren fortgesetzt.

Der eigentliche »Erfinder« der Fantasy aber dürfte William Morris (1834-96) gewesen sein, der zum ersten Mal eine vollständige fiktive mittelalterliche Welt mit eigener Geographie und Überlieferung für die romantischen Abenteuerfahrten seiner Helden schuf. Er legte mit seiner Begeisterung für die nordische Mytologie auch gleich die Hauptquellen an mythologischem Material fest, aus dem sich die nach ihm folgende Generation von Fantasy Autoren bediente.

Swift, Carroll, MacDonald und Morris, geben einen Eindruck von dem Fundament, auf dem die nach ihnen kommenden klassischen Fantasy-Autoren gebaut haben. Die Bezeichnung Klassiker haben sich die Autoren damit verdient, daß sie sowohl die überzeugendsten Vertreter als auch die Erfinder ihrer jeweils eigenen Spielart der Fantasy sind. Viele von ihnen wurden damit zum Vorbild für unzählige Nachahmungen, andere haben so eigenständige Welten erschaffen und so perfekt ausgestaltet, daß für Imitationen kein Raum blieb - die großen Kunstwerke der Fantasy.

Lord Dunsany, E. R. Eddison und J. R. R. Tolkien sind die direkten Erben der von MacDonald und Morris begründeten englischen Fantasy-Tradition. Sie alle kannten Morris und nannten ihn selbst als ihr Vorbild, und sie schrieben in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts, wenn Tolkiens Hauptwerk auch erst später erschienen ist. Dunsany führte die Fantasy in ihrer mythopoetischen Spielart zu einer unnachahmlichen Meisterschaft, Eddison schrieb mit »Der Wurm Ouroboros« das Meisterstück des fiktiven Heldenepos, den Roman der heroischen Fantasy, und Tolkien schließlich vereinigte in seinem »Herr der Ringe« die heroischen, mythischen und poetischen Züge der Fantasy zum meist-gelesenen Fantasy-Roman dieses Jahrhunderts und schuf der Fantasy damit ihren bisher erfolgreichsten Mythos.

Edgar Rice Burroughs war der erfolgreichste Erfinder imaginärer Welten in den amerikanischen »Pulps«, den dortigen Billig-Magazinen der ersten Hälfte des Jahrhunderts. Burroughs besaß, wie sein »Tarzan« beweist, ein intuitives Talent auch zur Mythenkreation. Er besaß keinerlei literarische Vorbilder oder Ambitionen, aber ein ausgesprochenes Fabuliertalent, mit dem er die Geschichten in imaginären, barbarischen Welten zu einem festen Bestandteil in der trivialen amerikanischen Unterhaltungsliteratur machte.

Auch H. P. Lovecraft schrieb für die »Pulps«, aber er sah in ihnen nur da; einzige ihm erreichbare Veröffentlichungsnedium, ohne sich ihren stilistischen und inhaltlichen Erwartungen anzupassen.

Lovecraft nutzte die Möglichkeiten der Fantasy zur Erfindung eine; Schreckenskosmos, in dem der Mensch hilflos dämonischen, kosmischen Mächten ausgeliefert ist. Für Lovecraft wurde die Fantasy zu einem Mittel der Horrorliteratur, indem er keine »übernatürlichen« Mächte in unsere Welt eindringen ließ, sondern ein Fantasy-Pantheon böser Götter schuf, das ganz materialistisch in unserer Welt existierte Lovecraft erfand keine andere Weit, sondern eine Fantasy-Eschatologie, die er unserer Welt überstülpte. Wie Tolkien wurde er in den sechziger Jahren plötzlich »entdeckt« und zur Kultfigur.

Mit Cabell und Peake haben wir schließlich zwei Autoren, die Fantasy einfach als ästhetisches Mittel zum Ausdruck ihrer Weitsicht benutzten, ohne Sehnsucht nach Heldenepen und mythischromantischer Abenteuern, sondern weil die Erfindung mittelalterlicher Welten ihren literarischen Absichten den besten Ausdruck verlieh. Bei ihren Werken handelt es sich um so eigenständige Kunstwerke, daß eine Nachahmung kaum möglich war. Wenn bei ihren Romanen der symbolische und allegorische Charakter auch stärker hervortritt, so halten sich ihre Welten doch an die Spielregeln der Fantasy und nehmen ihre eigene fiktive Realität ernst. In den sechziger Jahren begann für die Fantasy eine Entwicklung, die ihr zum ersten Mal Zugang zu einem Massenpublikum brachte und gleichzeitig eine Fantasy-Genreliteratur entstehen ließ.

Besonderen Einfluß hatte dabei die von Lin Carter herausgegebene Taschenbuchreihe »Adult Fantasy« in der fast alle Klassiker von Morris bis Peake eine Neuausgabe erlebten. Mit »Imaginary Worlds« schrieb Lin Carter auch das erste Werk der Sekundärliteratur, das sich ausschließlich mit Fantasy befaßt.

Nachdem man den Markt für Fantasy entdeckt hatte, wandte sich dieser als Genre im Grunde erst Ende der sechziger Jahre auftretenden Literaturrichtung eine ganze Reihe neuer Autoren der Unterhaltungsliteratur zu.

Die amerikanischen Verlage hielten auf der anderen Seite Ausschau nach Manuskripten für Fantasy-Reihen und entdeckten sie unter anderem in Jugendbuchbereich, wie Ursula K LeGuins »Erdsee«-Triologie. Die Taschenbuchreihen boten nun auch Raum für epische angelegte umfangreiche Romane, der in den Magazinen früherer Zeiten gefehlt hatte - besonders in der siebziger Jahren entwickelte sich daraus ein Trend zu immer längeren Romanen Es sollte nicht verwundern, daß sich unter den neuen Fantasy-Autoren viele fanden, die von der Science Fiction kamen. denn in der SF steht ja ebenfalls das Erfinder imaginärer Welten im Mittelpunkt. Seil Burroughs gibt es eine enge Verbindung zwischen Fantasy und SF besonders jn den USA, wo beide in erster Linie als Genreliteratur geschrieben werden.

Die neuen Autoren fanden die bereits fertigen Konzepte der Klassiker und der »Sword and Sorcery« vor, und adaptierer einfach diese alten Stoffe, manche imitierten sie nur. Erhalten blieb der Grundgedanke der Fantasy, wie er bei Morris zum ersten mal auftauchte:
Unserer technischen Welt das Bild mittelalterlicher Zauberwelten entgegenzusetzen.
Und wer sich jetzt fragt, ob all diese Autoren auch wirklich etwas zustande gebracht haben, was man auch lesen kann, dem sei nur empfohlen, die Bücherhalle, oder den Einen oder Anderen Buchladen aufzusuchen!

Apropos Laden, im nächsten Spielwelt Artikel geht es um die Frage: »Wo gibt es in Bergedorf eigentlich Spiele?«

Bis dahin verabschiede ich mich mit einem »Bitte die Einsätze zu machen. Nichts geht mehr! Null    — die Bank gewinnt!«

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