kulturost

Die Sensation

Das hatte er sich gut ausgedacht. Die Ratten waren nicht schwer zu locken gewesen. Vielleicht hätte er sogar auf den Köder verzichten können. Allein die Aussicht auf einen Platz an der warmen Sonne ließ sie zu Tausenden aus ihren dunklen Löchern kriechen. Natürlich musste er ein bisschen auswählen. Allzu räudige und magere Exemplare waren ungeeignet, nur kräftige und dicke Tiere mit fettig glänzendem Fell würden die 100 Tage durchhalten. Auch auf Zeichnung und Muster hatte er acht gegeben, schließlich sollten die Zuschauer ihren Favoriten auch wiedererkennen können. Daneben bedurfte es nur noch eines Terrariums mit einer großen Glasscheibe zum abgedunkelten Publikumszelt. Es war alles perfekt vorbereitet. Es würde die Sensation auf dem Jahrmarkt werden.

Jetzt aalten sich die Ratten schläfrig in ihrem Verschlag. Die warmen Lichter der Scheinwerfer ließen sie träge werden. Manchmal stuppsten sie sich spielerisch oder knabberten einander an den Ohren, aber die meiste Zeit schoben sie sich müde übereinander und drückten ihre Bäuche an die Glasscheibe. Eine Ratte, die sich nicht mit den anderen aalen wollte, kroch sogar freiwillig in die dunkle Röhre zurück. Erste Zuschauer verließen gelangweilt das Zelt. Es musste etwas geschehen.

Erst klopfte er mehrmals täglich mit dem Stock an die Scheibe, um den Ratten ihren Schlummer ungemütlich zu machen. Sie sollten auf die Leute draußen aufmerksam werden, sollten jede Bewegung vor dem Glas furchtsam verfolgen, sollten sich schutzlos und ausgeliefert fühlen. Die Ratten indes gewöhnten sich bald an das Klopfen und blinzelten nur noch beiläufig. Was konnte ihnen ein Stock hinter einer Glasscheibe schon anhaben?

Also reduzierte er das Wasser auf eine frühe Stunde täglich und verknappte das Futter. Das würde in den Ratten die Instinkte wieder wecken. Er brauchte ihren Blutdurst. Sie sollten einander beißen und sich gegenseitig durch das Gehege jagen, das würde das Publikum honorieren. Die Zuschauer würden bei ihm Wetten abschließen, welches Tier sich am Ende durchsetzen könnte. Die Schwarzbunte wird es schaffen. Nein, die kleine Weiße, die sich immer so geschickt heraushält. Oder doch die dicke Braune mit dem albernen Hütchen? Ihm wäre es egal, denn er würde in jedem Fall gewinnen. Hauptsache es kämen wieder Leute in seine Arena. Auf 2,5 Millionen war die Zahl der Interessierten schon abgesackt, soviel wie jede mittelmäßige Monströsitätenshow.

Seine Maßnahmen hatten Erfolg, zunächst. Tatsächlich begannen die Ratten aktiver zu werden. Auch verbissen sie einander, doch nicht, wie er gehofft hatte, jede gegen jede. Instinktiv suchten sich die Ratten ein gemeinsames Objekt. Die schafft das eh nicht, quiekten sie, die hält das nicht durch, und: die passt nicht zu uns. Die Geschassten versuchten noch einige Zeit, sich mit Nasereiben beliebt zu machen, doch ehe es zur Beißerei kam, musste er sie aus dem Käfig nehmen. Tierschutzbestimmungen, leider.

Die Tiere hatten einfach zuviel Platz, sich auf die faule Haut zu legen. Er musste sie mehr fordern. Eine neue Idee. Er baute ein Laufrad ein. Wenn die Ratten zum Futter wollten, mussten sie erstmal kräftig strampeln. Was für ein lächerliches Bild, wie sie bis zur Erschöpfung auf der Stelle liefen. Das würde dem Publikum gefallen. Und es würde endlich den nötigen Stress erzeugen. Die Erschöpfung würde sie gereizt und aggressiv machen. Er würde sie schon kleinkriegen, diese dämlichen kleinen Biester. Schließlich war es seine Show. Er würde ihnen keine Chance lassen...

Fortsetzung folgt, jeden Tag im Fernsehen.

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