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Vorwort: Die Ethnologie ist eine Wissenschaft, die sich mit etwas beschäftigt, das uns selbstverständlich ist: unserer Kultur, der Art wie wir leben, handeln, die Welt sehen. Dass daraus überhaupt eine akademische Disziplin werden konnte, verdanken wir zu nicht geringem Teil der Arroganz unserer Vorfahren. Sie glaubten noch ungebrochen an die Überlegenheit ihrer (westlichen) Zivilisation und studierten die "Primitiven" mit einer Mischung aus Abscheu und Neugier, etwa so wie man exotische Insekten betrachtet.
Das Ritual war damals ein Kernbegriff, galt doch der Wilde als kindlich, ängstliche Kreatur, der das Licht der Vernunft noch nicht ins Gehirn geschienen hatte, und die sich daher mit allerlei Beschwörungen, magischen Formeln und rituellen Gesten der bedrohlichen Umwelt erwehren musste. Der zivilisierte Mensch wusste es besser, durchschaute die Zusammenhänge, plante sein Handeln und schritt festen Fußes in die Zukunft, so glaubte man zumindest.
Diese so bequeme Sicht wurde allerdings in diesem Jahrhundert mehrfach erschüttert (obwohl sie sich in manchen Köpfen bis heute hält). Als die Ethnologen auf die bahnbrechende Idee kamen, selbst in den Busch (der Ethnologe sagt: ins Feld) zu reisen, anstatt nur die Berichte von Kaufleuten und Kolonialbeamten auszuwerten, zeigte sich, daß die Wilden so unvernünftig gar nicht waren, daß sie die Welt zwar anders sahen, in ihrem System aber durchaus vernünftig und planvoll agierten. Auch der Glaube an die Vernunft der westlichen Kultur geriet bald ins Wanken, vor allem durch die Erfahrungen der Barbarei des Nationalsozialismus. So aufgeklärt und vernünftig waren/sind wir vielleicht doch nicht.
Bemüht man sich heute um eine unvoreingenommene Sicht, so stellt man fest, daß unser Alltag viele große und kleine Rituale enthält, die wir selbst, weil sie uns so natürlich scheinen, kaum als solche erkennen. Mit "Ritual" meine ich weder nur die "klassischen" Rituale wie Hochzeit und Beerdigung (die aber natürlich auch), ich meine vor allem die "kleinen" Rituale wie Einkaufen, den Rasenmäher reparieren, Inlineskaten, jemanden verführen oder Sonnenfinsternis begucken.
Über diese "Rituale des Alltags" zu schreiben habe ich mir für die nächste Zeit vorgenommen und vielleicht wird ja eine kleine Serie daraus. Ich hoffe ihr habt Spaß daran, FMH.
Rituale des Alltags
1. Sonnenfinsternis oder "Was ist ein Ritual?"
Als die Welt noch in Ordnung war und die Wilden noch richtig wild und die Zivilisierten noch richtig zivilisiert, da war die Sache klar: Rituale sind festgelegte Abläufe für eine Gruppe von Menschen um irgend etwas zu erreichen (z.B. fette Jagdbeute, was den Wilden halt so interessiert). Jeder Teilnehmer weiß genau, was er tun muss, und hält sich auch daran, weil sonst die Götter sauer sind und großes Unheil über das Dorf kommt. So was gibts natürlich nur im Film und einigen Religionen mit Hang zum Dogma (wovon das Christentum keine unbedeutende ist) und nicht zuletzt in den Vorstellungen (eben christlich geprägter) Forscher. Genauere Untersuchungen zeigten jedoch, daß die meisten Rituale erheblich mehr Freiheitsgrade hatten, als man meinte. Zwar ist ein grober Ablaufplan allen bekannt, in diesem bleibt aber viel Raum für Improvisation und eigene Gestaltung. (Die Improvisation ist überhaupt eine in unserer Kultur nahezu unbekannte Fähigkeit, was m.E. ein echter Mangel ist) Was also ist ein Ritual? Vorsichtig formuliert ein Set von bestimmten Verhaltensweisen für ein bestimmtes Setting. In diesem Setting bewegen sich die Akteure und wählen ihr Verhalten entsprechend. Also mehr Improvisationstheater als Abendmahl.
Nehmen wir ein Beispiel: die Sonnenfinsternis. Auf den ersten Blick ein zufälliges Naturereignis, aber habt ihr euch mal die zuschauenden Menschen angeguckt? Sie jubelten, fielen sich in die Arme und klatschten Applaus. Der Psychologe würde sagen: ein Ausdruck von Freude und Begeisterung, der Ethnologe sagt: Theater. Die Sonnenfinsternis war eine Art Show und das Publikum jubelte wie nach einem guten Konzert. Gott als Showmaster gibt einen kosmischen Liveact? Der Trick ist, daß das Jubeln und Klatschen nach einem Konzert vielleicht gar keine Anerkennungsbekundung für den Künstler ist, sondern zum Verhaltensset des Rituals "Show" (Arbeitstitel) gehört. Dieses Ritual "Show" hat eine bestimmte Struktur, die es als solches erkennbar macht: es hat einen Anfang und ein Ende, es gibt eine Bühne (etwas erhöht) und ein Publikum (darunter), eine Dramaturgie (Verlauf) und Choreographie (Aufstellung der Beteiligten).
Stellt euch folgendes Experiment vor: ihr steht mitten im Sachsentor. Was würde passieren? Gar nichts. Jetzt setzt ihr euch auf einen Stuhl. Ihr würdet etwas Aufmerksamkeit erregen aber immer noch passiert nichts. Nun stellt ihr euch auf ein kleines Podest. Jetzt erst würden die Leute stehen bleiben und warten, was passiert. Denn das Podest markiert die Bühne und ihr habt ein Show-Ritual ins Leben gerufen. Die Umstehenden verlassen das Verhaltensset "Einkaufen" und wechseln in das Set "Publikum", indem sie z.B. einen Kreis bilden.
Bei der Sonnenfinsternis war es ganz ähnlich. Zufällig hat dieses Ereignis die Struktur eines Show-Rituals. Es gibt eine erhöhte Bühne und ein Publikum, es gibt einen Act und sogar für die Vorabwerbung war reichlich gesorgt. So wurde aus dem Ereignis ein Show-event und aus den Zuschauern ein Publikum. Jubeln und Applaus sind die bekannten Verhaltensweisen für den Höhepunkt und das Ende der Show.
Fassen wir zusammen: Rituale haben eine bestimmte Struktur, bestimmte Rollen und daran gebundene Handlungsmöglichkeiten. Rituale haben einen (mehr oder weniger) festgelegten Anfang und ein Ende, und dazwischen einen charakteristischen Ablauf.
Vielleicht fallen euch ja auch ein paar Rituale ein, mir jedenfalls eine ganze Menge. Wenn ich diese Reihe fortsetze (ein bisschen Ermunterung wäre nicht schlecht), geht es nächstes Mal etwas mehr um Binnenstrukturen und darum, warum Frauen keine Rasenmäher reparieren können, oder um etwas anderes.
So long, FMH
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