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Warum Gott ein Handy hat und andere Erkenntnisse aus der Matrix

Der Film ,,Matrix" wurde lange und geheimnisvoll abgekündigt und inzwischen wohl von allen Interessierten gesehen. So verrate ich keine Geheimnisse, wenn ich etwas aus dem Inhalt plaudere.

Noch mal zur Erinnerung: Der Hacker Nero hatte schon immer so ein komisches Gefühl, dass mit der Welt nicht alles in Ordnung sein könnte. Da nimmt über Internet ein gewisser Prometheus Kontakt mit ihm auf und erklärt, wie‘s läuft: In Wirklichkeit sind wir gar nicht im Jahre 1999, sondern bereits 100 Jahre später. Die Menschheit hat einen Krieg gegen ,,die Maschinen" geführt und verloren. Seitdem werden die Menschen von den Maschinen in Wannen gezüchtet, weil sie deren Lebenssaft irgendwie brauchen. Weil sich aber gezeigt hat, dass die Wannenmenschen ohne Außenreize nicht recht gedeihen, spielten die Maschinen ihnen eine künstliche Realität direkt ins Hirn. Der erste Versuch mit einer schlaraffinen Paradieswelt funktionierte nicht, also schufen die Maschinen die ,,Matrix", eine Simulation von 1999, die wir gewohnt sind ,,Wirklichkeit" zu nennen. Eine Handvoll Hacker bildet eine Widerstandsbewegung. Mit einer (in der Matrix eingenommenen) Pille wecken sie ausgesuchte Träumer, damit sie mit ihnen in der ,,echten" Wirklichkeit mit einem kleinen U-Boot rumflitzen. Von dort aus können sie sich in die Matrix einloggen, wo sie gegen die ,,Agenten" (das sind Killerprogramme, die aussehen wie Agenten) kämpfen. Wer allerdings in der Matrix stirbt erleidet auch in der Wirklichkeit einen Hirnschlag und ist hinüber. Soweit die Matrix-Kino-Welt. Zeit zum Aufwachen.

<Pille>...

Der Mensch träumt, das weiß jeder. Aber

woher? Weil man im Traum etwas kann, was man in der wirklichen Welt nicht kann. Nein, nicht fliegen. Das kann man im Traum zwar auch, aber da man im Traum nicht weiß, dass man eigentlich gar nicht fliegen kann, wird einem das nicht weiter komisch vorkommen. Nein, das Entscheidende, was man im Traum kann und in der Wirklichkeit nicht, ist Aufwachen.

Die Traumwelt hat eine Grenze, die zwar für den Träumenden unsichtbar ist, im Moment des Überschreitens aber sofort sichtbar wird. Der Erwachte weiß sogleich, dass er geträumt hat. Und wieder muss man fragen: woher? Könnte es nicht sein, dass das Erwachen innerhalb des Traumes stattgefunden hat oder dass die Wirklichkeit des Erwachten auch nur ein Traum ist (was im Grunde dasselbe ist)? Klar könnte das sein und trotzdem bleibt zwischen der Welt des Erwachten und der des Träumenden ein Unterschied: der Erwachte sieht die Grenze zum Traum oder anders gesagt: In der Wachwelt gibt es Träume. Wir können zwar nicht in sie hineingucken, aber wir sehen ihre Grenzen: Betten, Schlafende, Zeitsprünge. In der Welt des Träumenden gibt es aber kein ,,Wachen". Insofern weiß der Erwachte zwar nicht, dass er endgültig wach ist, wohl aber, dass er eine Ebene wacher ist als zuvor. Vielleicht liegen die Träume wie Zwiebelschalen übereinander und wir wissen nicht, in welcher Schale wir und befinden, aber wir wissen im Erwachen, dass wir uns in der Zwiebel nach außen bewegt haben. Das einzig Wirkliche im Traum ist die unsichtbare aber existente (weil durchschreitbare) Grenze zur nächsten Zwiebelschale.

<Oh, Telefon>...

Matrix und Wirklichkeit haben eine gemeinsame Grenze mit mehreren Übergängen. Da ist zum einen die initiale Pille, das ,,Erwachmittel" zur einmaligen Anwendung. Die übrigen Grenzübergänge gehören der Telekommunikation: Per Handy halten die Rebellen aus der Matrix heraus den Kontakt mit dem ,,Operator" im Wirklichkeits-U-Boot. Um die Matrix jedoch wieder verlassen zu können, brauchen sie ein ,,richtiges" Telefon in Form einer Telefonzelle. Dort ruft der Operator an, die virtuellen Widerstandskämpfer nehmen ab und popp‘ erwachen sie wieder in ihrem Sessel an Bord des U-Boots. Schließlich ist da auch noch das Internet, über das der erste Kontakt ablief, aber das spielt im weiteren Verlauf keine Rolle. (Wie wär‘s mit E-Mail an alle:

Pillenausgabe nächsten Donnerstag in allen Apotheken?) Auch die Wirkungsweise der geträumten Tablette wird nicht näher erläutert, hier nimmt‘s der Film nicht so genau. Richtig wichtig (wohl auch wegen des auffälligen product-placements eines Herstellers) sind nur die Telefone.

<Riiiiiiiinnnnng>...

Telefone haben magische Kraft. denn sie verbinden uns mit dem Unbekannten. Ob Lisa in Lohbrügge oder eine einsame Telefonzelle in der Bronx‘ ob Tante Herta oder Space Shuttle, alles eine Frage der richtigen Nummer. Das Telefon transzendiert die erlebte Welt und verbindet. uns mit den Dingen hinter dem Horizont. Warum soll man nicht auch bei einem Traum anrufen können, bei Rotkäppchen oder Gott?

Bei Gott anzurufen wäre sozusagen die höchste Stufe telekommunikativer Transzendenz, denn während Traum und Rotkäppchen nur ,,Unterwelten" der Realität sind (also weiter innen liegende Zwiebelschalen), ist Gott die Verbindung zur Außenwelt der Zwiebel schlechthin. Und darum geht es in der Matrix:

Kontakt zur Außenwelt zu erhalten, denn dort sitzt der Operator an seinem Terminal, von wo aus er alles sieht und alles weiß (Zugriff auf Karten, Baupläne, usw.) und seinen kämpfenden Schäfchen die nötige

Hilfestellung geben kann. In religiösen Begriffen ausgedrückt ist der Operator niemand anderer als Gott und die Telefongespräche sind Gebete. Überraschend ist zunächst, dass zum Rückruf (im wahrsten Sinne) die Handys offenbar untauglich sind und eine Telefonzelle aufgesucht werden muss, die der Operator dann von Außen anruft. Lassen wir die dramaturgischen Gründe (reinschleichen, rumballern, flüchten) mal beiseite. Kerngedanke des Films ist die Idee, dass es hinter der Realität eine höhere Wahrheit gibt, die wir nicht kennen, deren Existenz wir aber erahnen und die, sobald wir ihrer einmal inne geworden sind, unser ganzes Dasein in einem anderen Licht erscheinen lässt. Eine überaus alte Idee, im Christentum ,,Erlösung durch die göttliche Wahrheit" genannt. Erlöst aber wird man von Außen, indem man den göttlichen Ruf hört, seiner Wahrheit glaubt und entsprechend seiner Gebote handelt. Nach Erfüllung der Erdenpflichten wird einem dann die göttliche Erlösung zuteil. Von der Pille einmal abgesehen (eine Allegorie aufs Abendmahl?) ist das exakt die Handlung von Matrix. Matrix ist also zweifellos ein religiöser Film, nur moderner verpackt.

Aber in der modernen Matrizenerlösung hat sich noch mehr verändert. Der Operator ist letztlich auch nur ein Mensch und steht mit den Erwachten (inzwischen müssen wir sagen: Erweckten) auf einer Stufe. So sind aus Sicht der Matrix alle irgendwie Götter und entsprechend mit übermenschlichen Fähigkeiten ausgestattet. Fliegen, Kugeln auffangen, Unverwundbarkeit, alles eine Sache des Willens oder vielmehr: des unbeirrbaren Glaubens.

Also kein Kommunismus im Himmel, sondern eher ein Pantheon. Schließlich wird auch nicht jeder erlöst, sondern nur ein paar Computerspezialisten‘ die (Halb-)Götter der Moderne. Aber der Normalträumer tröste sich: so toll ist die Erlösung dann auch nicht. Die erweckten Hacker machen in der Wirklichkeit auch nichts anderes als im Matrix-Traum. Sie sitzen vor kalten Tastaturen und starren auf flimmernde Bildschirme. Selbst Wissen und Fähigkeiten werden ihnen vor jedem Einsatz in der Matrix digital upgeloadet. Auch die Erweckten bleiben in ihrer vermeintlichen Rebellion abhängig von Technik und Maschinen.

Und hierin liegt die (unbeabsichtigte) Pointe des Films. Die Helden, die Technik-Freaks, die Hacker, die im Film die Erleuchtung erlangen und gegen die Maschinen kämpfen, sind selbst zu jeder Zeit ihres Kampfes Sklaven der Maschinen. Die im Film ,,reale" Maschinenwelt des 21. Jhdts. ist viel unmenschlicher als die geträumte Matrix-Welt. Der einzige Unterschied ist das Bewusstsein der Erweckten ,,die Wahrheit zukennen", ein Fetisch der Gläubigen, denn woher wissen sie denn, dass es nicht noch höhere Wahrheiten gibt? Diese Frage aber, ob die ,,reale" Welt außerhalb der Matrix wirklich real, also letztlich unaufwecklich ist, stellt sich im Film niemand. So bleibt die Wahrheit Sache des Glaubens und damit im filmischen Traumkreis gefangen. Der Film ist ja selbst nur Teil der Matrix, indem er uns glauben machen will, dass die technischen Spezialisten die geeignetsten Kämpfer gegen die Technik seien. Was für ein Paradox aber aus der Sicht des Träumenden völlig logisch.

Also: Geht in‘s Kino, fresst bunte Pillen, hackt oder surft am Computer, telefoniert viel und glaubt daran, die allein wissenden Helden der Moderne zu sein. Kurz: träumt weiter. (fmh) 

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