kulturostKR Wozu

Grabgesang und Taufrede.

Der KulturOst steht am Ende und am Anfang. So wie bisher kann und wird es nicht weitergehen. Die Indikatores mortui sind vielfältig:

1) Die Finanzen sind weiterhin defizitär. Mit jeder neuen Ausgabe rutschen wir langsam aber sicher in’s Minus. Der KR bekommt Geld durch gewerbliche Anzeigen und Beiträge der veröffentlichenden Institutionen. Beide sind in der Vergangenheit ständig weniger geworden. Gewerbliche wanderten ab oder existieren schlicht nicht mehr. Regelmäßige Beiträge kommen nur vom JUZ Reinbek und der Lola, Flop, MaBu, JUZ Wentorf, Kora, JuZeNa, KulturA, Heckkaten, Wasserturm, etc. nutzen den KR gegenwärtig nicht (mehr). Das kostet uns Geld und das Blatt verliert an praktischem Wert.

2) Die Beiträge sind spärlich. Nicht nur Veranstalter kleben lieber Flyer als uns zu informieren (z.B. MaBu), auch andere Initiativen wie Umweltverbände, Parteien oder Privatleute nutzen den KR zu selten, um damit das Blatt in seinem gegenwärtigen Umfang von 32 Seiten zu füllen. Als Ergebnis machen die Redakteure mehr, indem sie nicht nur die eingereichten Beiträge edieren, setzen und gestalten, sondern den Inhalt zu weiten Teilen auch noch selbst produzieren. Das senkt die Vielseitigkeit und kostet Kraft und Zeit.

3) Die Verteilerstruktur ist zusammengebrochen. Der KR wurde über Jahre von engagierten Einzelpersonen nach erscheinen im Flop abgeholt und an viele Orte in und um Bergedorf verteilt. Die Verteilerliste liest sich eindrucksvoll, hat aber mit den Realitäten immer weniger zu tun. Viele Verteiler haben ihre Tätigkeit eingestellt, mal mit und mal ohne Ansage. Ob und wie viel an den einzelnen Orten ankommt und gebraucht wird, wissen wir nicht. Im Ergebnis sind es heute die Redakteure, die den KR verteilen. Entsprechend lange brauchen sie dazu und entsprechend spät kommt er an. Das ist für die Veranstalter ärgerlich und nicht annehmbar.

4) Die personelle Ausstattung der Redaktion ist zu gering. In Zahlen sind wir zur Zeit 4 Leute. Da die verfügbare Zeit der einzelnen aber häufig begrenzt ist, sind es faktisch nur 2, die den KR Monat für Monat gestalten. Einer davon hört mit dieser Ausgabe definitiv auf. Man kann sich ausrechnen, was das heißt.

5) Eine Resonanz ist nicht vorhanden. Zwar sieht man vereinzelt Leute, die den KR lesen, aber ob aus Zufall oder Interesse, ob mit guten oder schlechtem Gefühl wissen wir nicht. Uns Redakteuren drängt sich manchmal der Eindruck auf, wenn wir die gesamte Auflage nach dem Druck gleich in den Altpapiercontainer werfen würden, es würde niemand merken (bzw. es würde sich niemand anmerken lassen). Das frustriert und man fragt sich: wozu machen wir das eigentlich alles?

Tja, wozu?

(Einschub: Manchmal geschehen noch Zeichen und Wunder. Als ich obigen Text schrieb hatten wir die Januarausgabe gerade mühsam dem Weihnachtsstress abgerungen, jetzt - beim Layout der Ausgabe 100 - sind auf einmal 3 neue Redaktionsmitarbeiter da, Spenden und Neuanzeigen sind eingeworben, das Flop schickt uns Termine und sogar Bandfotos. Es ist wie bei alten Leuten: kaum liegt man im Sterben, schon kommen die lieben Verwandten um einen zu Tode zu pflegen.)

Zunächst mal hat der KulturOst inzwischen eine Tradition, die aufzugeben man sich lange überlegt. Auch die letzte Redaktion stand 1998 vor diesem Problem und hat ihren Rückzug mit einem letzten Rettungsaufruf verbunden. Mit Erfolg: die jetzige Redaktion ist aus den damaligen Rettern hervorgegangen, aber wird ein solcher Coup noch einmal gelingen? Und was, wenn nicht?

Natürlich ist der KulturOst nicht mehr das, was er mal war, im Guten wie im Schlechten. Manche sehnen sich nach dem Szeneklatsch von einst. Wer den KulturOst las (und verstand) gehörte dazu oder konnte sich das zumindest einbilden. Das dem nicht mehr so ist liegt nicht nur an dem Wechsel der Redaktion, sondern auch an der Struktur der Szene selbst. Öffentlichkeit zu gewinnen wird nicht mehr als zentrales politisches Anliegen gesehen, sei es weil der Mangel an Nachwuchs eine Konzentration auf das Wesentliche erzwang, sei es weil die politischen Ziele inzwischen so gut etabliert sind, dass man glaubt auf Öffentlichkeitsarbeit verzichten zu können, sei es, weil die Ziele inzwischen aufgegeben wurden. Und nicht zuletzt ist die ehemals kollektive linke Identität inzwischen weniger Eindeutig geworden. Wo Links anfängt und wo es aufhört ist unscharf und umstritten geworden. Darüber können auch vermeintliche linke Identifikationshilfen wie „anti-faschistisch“, „anti-rassistisch“ und „anti-sexistisch“ nicht hinwegtäuschen. Aber es soll hier nicht um die Linke gehen, sondern den KulturOst.

Als Selbstdarstellung und Ausdruck einer kollektiven linken Identität taugt der KulturOst also gegenwärtig nicht und kann es auch nicht. Stattdessen können wir nur versuchen, die Bruchlinien und die Kontroverse um linke Inhalte dialektisch auszudrücken. Ich habe daher wiederholt sowohl GAL- als auch RuL-Vertreter in Bergedorf angesprochen und zu einer öffentlichen Debatte im KulturOst eingeladen. Beide Parteien zeigten sich wohlwollend aber wenig interessiert. Ich hoffe, sie vielleicht noch eines Besseren überzeugen zu können.

An anderer Front versuchen wir seit langem, Bergedorfer Lokalpolitik in’s Blatt zu holen. Erste Versuche, wie die Bezirksversammlungs-Rubrik und einzelne Artikel schliefen schnell wieder ein; zu speziell sind die Themen, zu komplex und undurchsichtig die politischen Entscheidungen. Eine kompetente Berichterstattung kann hier nur von Insidern geleistet werden. Für linke Parteien, die sich für Transparenz und Bürgerbeteiligung stark machen, wäre das ein vornehmes Ziel. Mitglieder der GAL-Fraktion haben sich inzwischen bereit erklärt, in Zukunft regelmäßig über Themen Bergedorfer Lokalpolitik zu berichten. Ich hoffe, Regenbogen zieht mit. Das wäre ein erster Erfolg ab 101.

Außerdem haben wir von der Redaktion in der Vergangenheit versucht, Artikel zu bieten, die gegen den Strom des allgemeinen Medienflusses liefen oder fremde Sichtweisen auf bekannte Phänomene eröffnen. Ob und wie gut uns das im Einzelfall gelungen ist, darüber lässt sich streiten, aber wir wollen diesen Ansatz in jedem Fall fortsetzen und ausbauen. Deshalb haben wir uns entschlossen, ab Ausgabe 101 Themenschwerpunkte, die unserer Meinung nach das allgemeine Denken prägen, und diese in verschiedenen Blickwinkeln und Stilen zu beleuchten. Wir hoffen auch auf die Mitwirkung unserer Leserinnen und Leser. Das Thema der (hundert)ersten Ausgabe ist FLEISCH!
Schließlich sind unter unserer Regie auch freie Texte in’s Blatt gelangt, die weniger aufdringlich Botschaften vermitteln, nichtsdestotrotz aber weder unpolitisch noch harmlos sein sollten. Mir persönlich sind diese Texte fast die liebsten, weil sie den Lesern größere Räume lassen und mit ihnen, wenn sie sich schon nicht selbst beteiligen, doch zumindest im Stillen ringen. Auch in dieser Richtung erhoffe ich mir mehr und werde auch selbst dazu beitragen.

KulturOst 101+ macht also, zumindest für mich, Sinn. Weniger als Wert, den es zu erhalten gilt, sondern eher als Projekt, an dem zu arbeiten sich weiterhin lohnt. Das Leben besteht viel mehr aus Projekten als aus Entscheidungen. Der Entscheider hat nur die Wahl zwischen verschiedenen, vorgegebenen Alternativen; er ist so frei wie der Zug auf dem Gleis, der seine Weichen selbst stellt. Ich aber wünsche mir ein weites Feld, an dessen Horizont ich eine Richtung wählen und drauflos marschieren kann. Freiheit besteht aus Projekten und Entschlüssen.

Der KulturOst ist ein Projekt. Mag sein ein nutzloses Projekt, aber keinesfalls ein sinnloses. Deshalb bin ich entschlossen, weiterzumachen. Auf die nächsten 100 Ausgaben.

(fmh)

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