kulturost

Grusel - Schreck - Soziale Kontrolle Halloween und
die Angst der Erwachsenen vor ihren Kindern.

Zu Halloween gehört traditionsgemäß auch der Grusel. Im Fernsehen laufen "scary sequels" und gern nutzen Jugendliche die Gelegenheit, in der ohnehin schon unheimliche Atmosphäre Halloweens, die jüngeren trick-or-treaters kräftig in’s Bockshorn zu jagen. Aber Horror- und Gruselgeschichten beschränken sich nicht auf die schreckhaften Kleinen. Auch Erwachsene werden zu Halloween regelmäßig geängstigt, und zwar durch die alljährlich neu verbreiteten Geschichten von Sadismus und Kindesmisshandlung.

Der klassische Erzähltypus ist die "Rasierklingen im Apfel"-Geschichte, bei der vergiftete oder sonst wie mit Fallen versehene Süßigkeiten die Hauptrolle spielen. Er ist seit Mitte der 60er Jahre in Amerika bekannt. Dazu kamen in den 70ern vereinzelte Berichte von Kindsopfern als Teil satanischer Messen, die schließlich 1987/8 in eine nationale Panik mündeten.

Der Ursprung der Apfel-Legende ist ungewiss. Der früheste publizierte Fall ereignete sich Halloween 1964 in Greenlaw, New York, als die Hausfrau Helen Pfeil verhaftet wurde, nachdem sie Kindern als Bonbons verpackte, arsenhaltige Ameisengift-Tabletten geschenkt hatte. Es stellte sich jedoch heraus, dass die Bonbons als Scherz gedacht waren, mit dem Frau Pfeil die "zu alten" trick-or-treaters ärgern wollte. Sie hatte daher falsche Bonbons hergestellt, die Hundekuchen, Stahlwolle und besagte Ameisentabletten enthielten, welche sie mit Totenkopf und gekreuzten Knochen als Gift markiert hatte. Die Kinder konnten sich dadurch schnell daran erinnern, woher sie die Bonbons hatten und Frau Pfeil wurde verhaftet und wegen fahrlässiger Körperverletzung verurteilt.

Helen Pfeil war wohl nicht die klassische Sadistin, doch womöglich ließ sie sich von Gerüchten anregen, die schon seit den 40er Jahren von erhitzten Pennies und vergifteten Kaugummi zu Halloween erzählten. 1967 verschob sich der Fokus vom vergifteten Bonsche zu scharfen Objekten wie Nadeln und Rasierklingen, die in Süßigkeiten versteckt wären. Dieses Motiv verbreitete sich rapide an der amerikanischen Ostküste und Kanada. Zeitungen wie die New York Times berichteten von "etlichen" (several) Fällen, bei denen Kinder verletzt worden seien, so dass New Jersey kurz vor Halloween 1968 sogar ein eigenes Gesetz verabschiedete, das das Einbringen von Fremdkörpern in Süßigkeiten unter Strafe stellte. In vielen Fällen berichteten die Zeitungen einfach davon, dass "Kinder sich geschnitten" (children were cut) hätten, aber bisweilen konnten sie den Hergang ausführlicher schildern. So im Falle eines Jungen, der seinen Eltern einen mit Rasierklingen versetzten Apfel präsentierte. Er habe hineingebissen, aber nicht tief genug, um sich zu verletzen. In einem anderen Fall war die Rasierklinge beim Entfernen einer Druckstelle gefunden worden oder als der Vater den Apfel schälen wollte. Auffällig ist, dass in den meisten ausführlich geschilderten Fällen keine Verletzungen auftraten, wohingegen die weniger ausführlichen pauschal von Verletzungen zu berichten wussten.

Die Berichte reichten aus, um offizielle Stellen auf den Plan zu rufen. Die Gesundheitsbehörden warnten, Kinder sollten keine zuvor nicht von Erwachsenen untersuchten Süßigkeiten essen. Psychiater schilderten Sadisten als vom Hass auf die eigene Kindheit und Kinder im allgemeinen getriebene Persönlichkeiten. Die Lösung gemäß Times hieß: nur zu bekannten Familien gehen. Natürlich gab es auch "echte" Fälle. Am 2. November 1970 fiel der fünfjährige Kevin Toston in ein Koma und starb vier Tage später an einer Überdosis Heroin. Untersuchungen ergaben, dass seine Halloween Bonbons mit Heroin besprenkelt worden waren. Diese Geschichte wurde als "echter Halloween Sadismus" weit verbreitet. Weniger Aufmerksamkeit fanden die polizeilichen Erkenntnisse, dass Kevin selbst das Heroin im Haus seines Onkels gefunden hatte und die Familie es irrtümlich über die Bonbons verspritzte.

Ähnlich im Fall von Timothy Mark O’Bryan, der Halloween 1974 an zyanidhaltigen Bonbons starb. Sein Vater hatte ihn ermordet und Halloween als Ablenkung benutzt.

Der Ursprung der Satanskult-Legenden ist besser dokumentiert. Sie begannen 1973-4 mit rätselhaften Viehmorden, die die Polizei auf okkulte Rituale schließen ließen. Gerüchte über einen mörderischen Satanskult kulminierten, als im Frühjahr 1974 in Missoula, Montana die Frau eines Predigers und ihr fünfjähriges Kind ermordet wurden. Daraufhin verbreitete sich eine allgemeine Hysterie, der Kult suche ein drittes Opfer, das zu Halloween hingerichtet werden sollte. Die Polizei warnte, Kinder nicht aus dem Haus zu lassen, nachdem Menschen mit schwarzen Kapuzen gesehen worden waren.

Obwohl keine Berichte über rituelle Kindsmorde zu Halloween bekannt wurden, hielt sich doch die Vorstellung in den Köpfen vieler. Im Herbst 1978 erkannte in Missouri ein deputy sheriff in einer Reihe von Viehtoden einen Satanskult und warnte, das nächste Opfer würde wahrscheinlich ein "13jähriges, ungetauftes Mädchen" sein. Als Schulen diese Warnung weitergaben, brach eine Panik aus. Ähnliche lokale Paniken gab es seit den frühen 80ern immer wieder, so 1984 in Arkansas, wo ein "blauäugiges, blondes Mädchen" als Opfer angenommen wurde. Zu Halloween 1988 wurden schon aus neun Bundesstaaten solche Gerüchte gemeldet und 1990 sollten in Bloomington, Indiana, angebliche ganze 100 blonde, blauäugige Kinder hingerichtet werden. Es ist unschwer zu erkennen, dass hier das alte Stereotyp von der blonden Jungfrau, die geopfert werden muss, wiederbelebt wurde. (Siehe auch Artikel: Körperbilder in dieser Ausgabe.) Als Reaktion auf diese angeblichen Bedrohungen zu Halloween wurde das Fest allmählich umgestaltet. Vor Halloween werden unterschiedlich dicke Broschüren mit "Do’s and Don’t’s" an alle Haushalte verteilt. Viele dieser Verhaltensregeln reflektieren direkt die realen und vermeintlichen Ängste der Erwachsenen. Allgemeines Ergebnis ist eine Kommerzialisierung und Institutionalisierung der Halloween-Feier. Selbstgemachte Süßigkeiten werden als potentielle Gefahrenquelle verbannt und stattdessen empfohlen, nur originalverpackte Süßigkeiten anzunehmen. Selbstgemachte Kostüme gelten als feuergefährlich. Um der Gefahr sadistischer Anschläge zu entgehen, werden von Einkaufszentren und staatlichen Institutionen Halloween-parties organisiert, auf denen die Kinder unter Aufsicht sicher feiern können.

Leider verkehrt sich damit der "Sinn" des trick-or-treat in’s Gegenteil. Nicht mehr die Kinder sind es, die den Erwachsenen unter Androhung eines Streiches die Süßigkeiten abpressen, sondern die Erwachsenen organisieren und kontrollieren jeden Abschnitt der Festgestaltung unter Hinweis auf die "bösen Menschen" da draußen. Die Botschaft ist klar: Fremdes und Individuelles sind böse und gefährlich, Genormtes und Institutionen sind gut und sicher. So wird in der Medien- und Überwachungsgesellschaft mithilfe von Sensationsjournalismus soziale Kontrolle geschaffen und die vermeintliche Sicherheit des Bekannten gegen die vermeintliche Gefahr des Fremden ausgespielt.

Ein Beispiel aus Amerika, gewiss, aber auch ein Lehrstück für uns, das man im Kopf behalten sollte, wenn man durch Fernsehen und Zeitung über Verbrechen "informiert" wird. (fmh)

(Die Informationen stammen aus dem Buch "Halloween and Other Festivals of Death and Life" von Jack Santino (ed.), University of Tennessee Press 1994)

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