kulturostEin Geschenk

Ich habe ein Geschenk erhalten. Als ich nach Hause kam lag es auf der Schwelle vor meiner Tür. Ich hob es auf und nahm es mit hinein. Ich konnte es doch nicht draußen liegen lassen, obschon mich wunderte, wie es dort hingelangt wäre. Es war sicher nicht für mich. Die wenigen Freunde, denen ich zutraute, mir etwas zu schenken, würden ein Geschenk kaum vor die Tür gelegt haben. Sie würden warten, bis wir uns zufällig träfen oder sie würden anrufen und sagen: du, übrigens, ich hab noch ein Geschenk für dich. Aber warum sollte jemand es vor die Tür legen, wo ich doch nicht Geburtstag hatte und da auch sonst kein Termin war, an dem man gemeinhin seinen Bekannten etwas schenkt. Es musste also ein Irrtum sein.
Ich stellte das Geschenk auf die Kommode und beließ es dort. Schließlich konnte ich ein Geschenk, das nicht für mich bestimmt war, nicht einfach auspacken. Vielleicht galt es einer früheren Person, die statt meiner diese Wohnung einst bewohnt hatte. Oder jemand hatte die Türen verwechselt. Ich betrachtete das Geschenk auf der Suche nach Hinweisen auf den wahren Adressaten, wiegte es auch vorsichtig hin und her, dass es einen verräterischen Laut von sich gebe. Das Geschenk schwieg. Ich belauschte das Treppenhaus und zählte die Stufen, ob nicht eine auffällige Häufung eine Feier offenbaren würde; auch ging ich, obgleich Sonntag war, zum Briefkasten und prüfte jede Tür nach Stimmen und Gelächter. Alles war wie gewöhnlich. So setzte ich mich auf den Stuhl und beschaute mein Geschenk. Und mein Kopf zählte die Menschen ab, die ich einmal gekannt, jetzt aber aus den Augen verloren hatte. Sollte jemand mich all die Jahre nicht vergessen haben? Oder selbst in solcher Not sein, dass keine andere Zuflucht bleibt als die ehemaliger Freunde? Ich beschloss, abzuwarten bis der Schenker sich von selbst offenbaren würde und mich nicht weiter darum zu kümmern.
Und doch gelang es mir nicht. Nicht etwa die Neugier trieb mich um, ich konnte immer gut verzichten, auch nicht das Geschenk selbst war es, was sich in mir festsetzte, es war die Ungewissheit darüber, wer mir das Geschenk vor die Tür gelegt haben könnte. Ich begann die Menschen, die ich traf, danach abzuschätzen, ob sie als Urheber in Frage kämen. Zuerst die Freunde. Ich mochte nicht direkt nachfragen, ich wollte niemanden beschämen, und auch beschenke ich mich nicht mit allen und beabsichtigte nicht, das zu ändern. Doch merkte ich, wie diese Frage zu ersten Abschätzung in allen Begegnungen wurde und wie ich dann im Gespräch darauf wartete, dass mein Gegenüber endlich das verflixte Geschenk ansprechen würde.
Oh, es war mir nicht unangenehm; im Gegenteil: als sich meine Freunde nicht offenbaren wollten dehnte sich der Verdächtigenkreis aus auf nähere und weitere Bekannte. Schließlich begann ich sogar mir vorzustellen, Fremde, besonders junge Frauen, seien heimliche Verehrerinnen und hätten keinen anderen Ausdruck ihrer Zuneigung finden können als dieses anonyme Geschenk. Ich genoss die Vorstellung und die Welt begann mir lieblicher zu werden; ich lächelte Menschen an, die ich nie zuvor gesehen hatte, denn das Geschenk war wie ein unausgesprochenes Geheimnis, das mich mit ihnen verband. Irgend jemand schaut auf dich, dachte ich.
Man wird vielleicht verstehen, dass ich mit all der Zeit immer weniger Lust verspürte, das Geschenk zu öffnen um das Geheimnis zu lüften. Wäre ich jünger gewesen und hätte ich eine stille Liebe gehabt, ich hätte das Papier heruntergerissen, aber mit den Jahren schwinden die Zauber, die man von der Welt erwartet, und keine Hoffnung trieb mich an, diesen letzten Zauber zu zerreißen. Ich fürchtete wohl auch, meine anfängliche Vermutung, es sei gar nicht für mich, würde sich schließlich bestätigen und eine hässliche Buntglasfigur offenbaren, die ein hilfloser Enkel seiner Oma zugedacht hatte. Nein, dies war jetzt mein Geschenk und würde es auch bleiben.
Eine Woche verging und wurde ein Monat und es begann mich zu ärgern. Niemand hatte sich zur Urheberschaft bekannt und meine Ungewissheit beendet. Meine Träume blieben Träume und die Realität machte keine Anstalten, sich dort einzumischen. Ich stand in jemandes Schuld und konnte sie nicht loswerden. Der oder die Schenkende hatten wohl geglaubt, ich käme gleich auf sie oder, wahrscheinlicher noch, im Innern verbarg sich eine Karte. Doch wie konnte ich nach Wochen noch vor jemanden hintreten und sagen: ach, danke eigentlich für das Geschenk, ich hab es gar nicht aufgemacht. Die Gewissheit wuchs in mir, dass es ganz in meiner Nähe einen Menschen gab, der nur darauf wartete, dass ich endlich reagierte; der seit Wochen jede meiner Bewegungen verfolgte um darin ein Zeichen zu entdecken, um sich schließlich doch enttäuscht abzuwenden. Die Gabe des Geschenks verkehrte sich ins Gegenteil. Angst und Schuld beschlichen mich und ich begann, die Menschen zu meiden. In jedem konnte diese gewaltige Schuld lauern, die ich mir aufgeladen hatte. Ich nahm das Geschenk und tat es in eine Schublade, die ich nie zu öffnen pflegte. Doch auch von dort ließ es mich nicht los. Wie das schlagende Herz des Gemordeten unter den Dielenbrettern wurde es zu einem kalten Stein, den ich überall spürte. Ich will nicht übertreiben: ich warf es fort. In einen Müllkübel an der Straße.
Hier könnte die Geschichte enden und ich sagen, es sei ein klares und sauberes Ende geworden. Doch in Wahrheit gibt es keine Enden und es ist eine der großen Lügen der Kunst, sie zu erfinden. Alles hinterlässt Spuren, die wie zähe Schlieren am Menschen hängen bleiben. Das macht das Dasein mit der Zeit so beschwerlich, dass all die Leben, durch die wir geschritten sind, ihre Schlieren hinterlassen haben, die das Voranschreiten immer schwerer machen bis wir irgendwann zurücksinken und uns ergeben in die klebrige Masse unserer Geschichte.
Ich wurde es also nicht los, konnte es nur für einige Zeit vergessen, aber dann kehrte es in meine Gedanken zurück und stellte mich zur Rede. Warum hast du mich nicht geöffnet? Warum hast du mich nicht sprechen lassen? Warum hast du mich nicht bei dir behalten? Ich wurde unruhig und gereizt. Wie eine unerledigte Aufgabe schob ich die Gedanken vor mich her, bis ich schließlich das Geschenk zu suchen begann. Erst waren es nur die dunklen Ecken und versteckten Haufen, die meinen Blick festhielten, dann wurde ich systematischer. Ich besorgte mir Landkarten und Abfuhrpläne, studierte Verbrennungszeiten und Deponiekosten. Aller Wahrscheinlichkeit nach war mein Geschenk verbrannt worden, aber wenn es nun doch irgendwo herabgefallen oder in den falschen Verteiler geraten war und in einer Nische auf mich wartete? Ich musste ein Ende finden.
Da nahm ich die alte Figur, die mich schon seit meiner Kindheit begleitet hatte, wickelte sie in graues Geschenkpapier, band eine Schleife darum und ging hinaus. Ich wanderte durch die Straßen und glitt hinter einer Passantin mit in einen Hausflur - tat beschäftigt - und stellte schließlich mein Geschenk vor eine Tür. Jetzt bin ich frei.
(fmh)

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