Fleisch
Ein KulturOst-Special mit saftigen Stücken von:
fmh, Frauke, Silke, Steffi & Paul, Susanne, Duca di Centigliora, Nick Fiddes, Daniel Defoe, Seneca, Douglas Adams, Elias Canetti, Roland Barthes, Winsor McCay, SPAR, Quelle, Hamburger Abendblatt, Süddeutsche Zeitung
Buchtipp: Fleisch - Symbol der Macht
von Nick Fiddes
2. Auflage 1998. Zweitausendeins.
Warum essen wir keine Menschen? Warum essen wir Schweine und Kühe, aber keine
Hunde und Katzen? Das Essen von Fleisch hat, so Fiddes, weniger mit dem Bauch zu
tun, als mit dem Unterbewußtsein.
Unsere Entschlossenheit, die Konfrontation mit bestimmten Aspekten von Fleisch
zu vermeiden - Tiere werden (unter erbärmlichen Verhältnissen) aufgezogen zu
dem einzigen Zweck von uns (auf grausame weise) getötet und gegessen zu werden
- bedeutet nicht nur, daß wir es vorziehen wegzusehen.
Im Gegenteil.
Das, was über Fleisch ungesagt bleibt, enthält eine zusätzliche Bedeutung,
die eine äußerst starke Wirkung hat.
Fiddes gibt Beispiele dafür, daß die unausgesprochenen symbolischen Werte,
welche die Beliebtheit von Fleisch untermauern, unsere Beziehungen zur Natur
betreffen.
Fleisch veranschaulicht für ihn eine bestimmte Haltung: die "männliche"
Weltsicht, die umfassend von der hierarchischen Beherrschung der Natur, der
Frauen und anderer Menschen ausgeht, sie schätzt und rechtfertigt und weniger
dominierende Formen des Umgangs zwischen den Menschen und dem Rest geringschätzt.
So gesehen können die sich ändernden Einstellungen zum Fleisch als ein
Kommentar zu grundlegenden Entwicklungen in der Gesellschaft verstanden werden.
Die Umweltbeherrschung, die Fleisch immer noch verkörpert, trägt heute
angesichts des katastrophalen Zustands unseres Lebensraumes, für viele Menschen
negative Züge.
Generationen von Menschen mochten die Vorstellung, Macht über die Natur zu
besitzen, und Fleisch verkörpert diese Macht. Sein schwindendes Ansehen- und
seine offene Ablehnung durch viele Menschen- zeigen nicht nur, daß sich der
Essensgeschmack verändert. Fleisch ist mehr als ein Essen. Es verkörpert eben
auch eine Lebensweise.
Die zahlreichen Forschungsergebnisse, welche die genetische und auch soziale Nähe
des Menschen zu anderen Tieren deutlich machen, sowie ein offenerer Umgang mit
den bestialischen Praktiken im Umgang mit "Nutztieren" haben
vegetarische Ernährung populär gemacht. Die Fütterung Gesundheitsschädlicher
Medikamente und verschiedene Nutztier-Seuchen, die sich auf den Menschen übertragen,
zwingen nun auch hartgesottene Fleischliebhaber im eigenen Interesse zu bewußterem
Umgang mit dem Fleisch.
Frauke P.
Beefsteak und Pommes frites
Das Beefsteak gehört zur selben Blutmythologie wie der Wein. Es ist das Herz
des Fleisches, das Fleisch im Reinzustand, und wer es zu sich nimmt, assimiliert
die Kräfte des Rindes. Ganz offenkundig beruht das Prestige des Beefsteaks auf
seinem fast schon rohen Zustand: das Blut ist sichtbar, natürlich, dicht,
kompakt und zugleich schneidbar. Man kann sich das antike Ambrosia gut von einer
solchen Art schwerer Materie vorstellen, die unter den Zähnen sich auf eine
Weise mindert, daß man zugleich seine ursprüngliche Kraft und seine Fähigkeit
zur Verwandlung und zum Sichergießen in das Blut des Menschen spürt. Das
Bluthafte ist der Daseinsgrund des Beefsteaks, die verschiedenen Grade seiner
Gebratenheit werden nicht in Kalorieneinheiten ausgedrückt, sondern in Bildern
des Blutes: das Beefsteak ist saignant (blutend) (es erinnert dann an den
Blutstrom aus den Arterien des getöteten Tieres) oder bleu (blau) (hier wird
auf das schwere Blut, das volle Blut der Venen verwiesen, und zwar durch das
Violett, den Superlativ des Rots). Die Gebratenheit, auch die nur vorsichtige,
kann nicht rundheraus ausgedrückt werden, für diesen widernatürlichen Zustand
bedarf es eines Euphemismus: man sagt, daß das Beefsteak à point ist (wörtlich:
auf dem Punkt, genau richtig), was eigentlich mehr eine Grenze angeben heißt,
als einen abgeschlossenen Zustand.
Das Beefsteak saignant essen ist also ein zugleich natürlicher und geistiger
Akt. Alle Temperamente kommen dabei angeblich auf ihre Kosten, die Sanguiniker
durch Identität, die Nervösen und Lymphatiker durch Ergänzung. Und so wie der
Wein für viele Intellektuelle zu einer mediumartigen Substanz wird, die sie zur
ursprünglichen Kraft der Natur führt, wird das Beefsteak für sie zu einem
Nahrungsmittel des Loskaufs, dank dem sie ihre Intellektualität prosaisch
machen und durch das Blut und das weiche Fleisch die sterile Trockenheit bannen,
deren man sie unablässig beschuldigt. Die Verbreitung des Beefsteak-Tatar zum
Beispiel ist eine beschwörende, gegen die romantische Assoziierung von
Sensibilität und Krankhaftigkeit gerichtete Handlung. In dieser Art der
Zubereitung sind alle Keimzustände der Materie enthalten: der blutige Brei, das
Schleimige des Eies, der ganze Zusammenklang weicher lebender Substanzen, ein
bedeutungsvolles Kompendium der Bilder des Vorgeburtlichen.
Wie der Wein ist das Beefsteak in Frankreich ein Grundelement und mehr noch
nationalisiert als sozialisiert. Es kommt in jedem Dekor des Ernährungslebens
vor: flach, gelb umrandet und sohlenartig in den billigen Restaurants; dick und
saftig in den spezialisierten kleinen Bistros; würfelförmig, mit feuchtem
Inneren unter einer dünnen verkohlten Kruste in der Hohen Küche. Es gehört zu
allen Rhythmen der Nahrungsaufnahme, zur ausgiebigen bürgerlichen Mahlzeit und
zum Bohemien-Imbiß des Junggesellen; es ist die zugleich geschwinde und
konzentrierte Nahrung, es verwirklicht die bestmögliche Verbindung zwischen Ökonomie
und Wirksamkeit, zwischen Mythologie und Formbarkeit seines Konsums.
Darüber hinaus ist es ein französisches Gut (eingeschränkt allerdings heute
durch die Invasion des amerikanischen Steaks). Wie beim Wein gibt es keine
aufgezwungene Ernährung, die den Franzosen nicht von seinem Beefsteak träumen
ließe. Kaum ist er im Ausland, meldet sich bei ihm die Sehnsucht danach. Das
Beefsteak wird hier mit einer zusätzlichen Tugend, der Eleganz, geschmückt,
denn bei der offenkundigen Kompliziertheit der exotischen Küche etwa ist es
eine Nahrung, die, wie man glaubt, Saftigkeit und Simplizität vereint. Als
nationales Gut folgt es dem Kurswert der patriotischen Güter, es steigert ihn
in Zeiten des Krieges, es ist das Fleisch des französischen Soldaten, das unveräußerliche
Gut, das nur durch Verrat in die Hände des Feindes übergehen könnte. In einem
alten Film, Deuxième Bureau contre Kommandantur (Zweites Büro gegen
Kommandantur), bietet die Haushälterin des Pfarrers dem als französischen
Widerstandskämpfer getarnten deutschen Spion etwas zu essen an: »Ach, Sie sind
Laurent! Ich werde Ihnen ein Stück von meinem Beefsteak geben!« Und als dann
der Spion entlarvt ist: »Und ich habe ihn sogar von meinem Beefsteak essen
lassen!« Allerschlimmster Vertrauensmißbrauch!
Im allgemeinen mit den Pommes frites verbunden, vermittelt das Beefsteak diesen
seinen nationalen Glanz: die Frites sind Objekte der Sehnsucht und patriotisch
wie das Beefsteak. Paris-Match hat uns wissen lassen, daß nach dem
Waffenstillstand in Indochina »General de Castries für seine erste Mahlzeit um
Pommes frites gebeten hat«. Und der Präsident des Verbandes der ehemaligen
Teilnehmer am Krieg in Indochina, der später diese Information kommentierte, fügte
hinzu: »Man hat die Geste des Generals de Castries nicht immer richtig
verstanden, der für seine erste Mahlzeit un Pommes frites gebeten hat...« Was
man uns zu verstehen bat, ist, daß die Bitte des Generals gewiß kein gewöhnlicher
materialistischer Reflex war, sondern eine rituelle Handlung: Aneignung des
wiedergefundenen französischen Brauchtums. Der General kannte sehr genau unsere
nationalen Symbole; er wußte, daß Pommes frites das Nahrungszeichen des »Franzosentums«
sind.
(Roland Barthes: "Mythen des Alltags")
Beefsteak und Pommes frites
Es war an einem Samstag Abend,
Da ist es passiert,
Ich hab mich bei Jimmies mit Rinderwahn infiziert
Das war ein schwarzer Tag
wie ich noch keinen gesehen hab - yea
Ich bin noch so juhuhung,
und Morgen bin ich schon tot
Das Steak war so saftig,
so zart und blutrot.
Oh Mama, Oh Papa - yea
Und wenn ich bereue -
nur noch Pommes verzehre,
und wenn ich nur noch muhe
der Kuh zur Ehre,
ich hab doch verspielt - yea
Geh hin und sach meiner kleinen Schwester,
nicht zu essen, was ich aß,
sonst muß auch sie elend verrecken
an Jimmies, Oh Jimmies Fraß - yea
Silke/Frauke 1994
Ein riesiges Milchtier näherte sich Zaphod Beeblebrox' Tisch, ein riesiger,
fetter, fleischiger Vierfüßler vom Typ Rind mit großen wäßrigen Augen,
kleinen Hörnern und beinahe sowas wie einem gewinnenden Lächeln auf den
Lippen.
»Guten Abend«, muhte es und setzte sich behäbig auf seine Haxen, »ich bin
das Hauptgericht des Tages. Dürfte ich Ihnen ein paar Teile meines Körpers
schmackhaft machen?« Es räusperte sich und gluckerte ein bißchen, rüttelte
sein Hinterteil in eine bequemere Position und starrte sie friedlich an.
Sein Blick traf bei Arthur und Trillian auf staunendes Entsetzen, bei Ford auf
ein resigniertes Achselzucken und bei Zaphod Beeblebrox auf nackten Hunger.
»Vielleicht etwas aus meiner Schulter?« schlug das Tier vor. »In Weißweinsoße
geschmort?«
»Äh, Ihre Schulter?« fragte Arthur vor Grauen flüsternd.
»Aber natürlich meine Schulter, Sir«, muhte das Tier zufrieden, »niemand
sonst könnte Ihnen meine kalte Schulter zeigen.«
Zaphod sprang auf und knuffte und befühlte mit Kennermiene die Schulter des
Tieres.
»Das Schwanzstück ist sehr gut« brummte das Tier. »Ich habe es viel bewegt
und massenhaft Getreide gefressen, deshalb habe ich dort viel gutes Fleisch.«
Es gab einen freundlichen Rülpser von sich, gurgelte nochmal und begann
wiederzukäuen. Dann schluckte es das Wiedergekäute runter.
»Oder vielleicht ein Gulasch aus mir?« setzte es hinzu.
»Meinst du, das Tier will wirklich, daß wir's essen?« sagte Trillian flüsternd
zu Ford.
»Ich?« fragte Ford mit glasigem Blick. »Ich meine gar nichts.«
»Das ist doch absolut grauenhaft«, rief Arthur, »das Widerlichste, was ich je
gehört habe.«
»Was ist los, Erdling?« fragte Zaphod, der seine Aufmerksamkeit jetzt dem
enormen Schwanzstück des Tieres zuwandte.
»Ich will halt einfach kein Tier essen, das dasteht und mich dazu einlädt«,
sagte Arthur, »das ist herzlos.«
»Besser als ein Tier zu essen, das nicht gegessen werden will«, sagte Zaphod.
»Darum geht's doch nicht«, widersprach Arthur. Dann dachte er einen Augenblick
nach. »Okay«, sagte er, »vielleicht geht's doch darum. Ist mir schnuppe, ich
will jetzt nicht darüber nachdenken. Ich werde einfach . . . äh . . .«
Das Universum tobte in seinem Todeskampf um ihn herum.
»Ich glaube, ich nehme nur einen grünen Salat«, murmelte er.
»Darf ich Ihnen vielleicht meine Leber ans Herz legen?« fragte das Tier. »Sie
muß mittlerweile ganz köstlich und zart sein, ich habe mich monatelang
gestopft und gemästet.«
»Einen grünen Salat«, sagte Arthur mit Nachdruck.
»Einen grünen Salat?« sagte das Tier und rollte mißbilligend mit den Augen
zu Arthur hinüber.
»Wollen Sie mir etwa erzählen«, sagte Arthur, »ich sollte keinen grünen
Salat bestellen?«
»Nun ja«, sagte das Tier, »ich kenne viele Gemüse, die dazu eine sehr klare
Meinung haben. Weshalb ja auch beschlossen wurde, das ganze verzwickte Problem
ein für allemal zu lösen und ein Tier zu züchten, das wirklich gegessen
werden will und dieses auch klar und deutlich sagen kann. Und hier bin ich also.«
Ihm gelang eine ganz leichte Verbeugung.
»Ein Glas Wasser bitte«, sagte Arthur.
»Hör mal«, sagte Zaphod, »wir wollen hier essen und uns nicht den Bauch mit
Problemen vollschlagen. Vier schwach gebratene Steaks bitte, und ein bißchen
dalli. Wir haben seit fünfhundertsechsundsiebzig Milliarden Jahren nichts mehr
gegessen.«
Das Tier kam schwankend auf die Beine. Es gab einen freundlichen Gurgelton von
sich.
»Eine sehr kluge Wahl, Sir, wenn ich so sagen darf. Sehr gut«, fügte es
hinzu, »ich eile sofort und erschieße mich.«
(Douglas Adams: „Das Restaurant am Ende des Universums“)
Das Gegessene isst zurück
Gern erinnern wir uns an die Zeiten zurück, als der Verband der
deutschen Lebensmittelindustrie CMA noch ungeniert für Fleisch werben konnte.
"Fleisch ist ein Stück Lebenskraft" hieß damals der Slogan und er
war von einer sonst für die Werbeindustrie untypischen Ehrlichkeit: Ja, dieses
Stück Fleisch, das jetzt wehrlos auf meinem Teller liegt, hat einmal gelebt und
deshalb schmeckt es doch gleich viel besser.
Schließlich sind wahre Fleischfresser keine zart besaiteten Gemüsekauer, die
schon der Anblick eines überfahrenen Kaninchen die selbstgezogenen
Soja-Sprossen hochwürgen lässt; wer Fleisch isst, ist ein richtiger Mann, der
es versteht zuzupacken, festzuhalten und auch zuzubeißen wenn es nötig sein
sollte. Fleisch essen ist keine Frage der Ernährung, es ist eine
Lebenseinstellung.
Man isst ja heute nicht mehr, um satt zu werden. Ernährung ist eine Frage der
Lebensgestaltung: der libidonös lustbetonte Fastfood-Junkie, der kultivierte
Gournet, das lasterhafte Schleckermäulchen, die gesundscheißende Ökotante,
der iso-vitamin-fitte Funsportler und eben der männlich kräftige Fleischesser;
mit dem Essen offenbaren wir unseren Umgang mit uns selbst und der Welt.
Mehr als auf Geschmack kommt es dabei zunehmend auf die unsichtbaren Inhalte der
Nahrung an. Joghurt ist nicht gleich Joghurt, rechts- oder linksdrehend, bifido
oder LC+ sind die entscheidenden Fragen. Eine Kartoffel ist nicht gleich eine Öko-Kartoffel
und statt ordinärem Vitamin C darf man heute mindestens ACE erwarten.
Fleischesser konnten dem schon immer gelassen zusehen. Sie brauchten keine
Brille um die Etiketten nach Kleingedrucktem abzusuchen, denn sie wussten, was
drin ist in ihrem Fleisch: schlicht und einfach Lebenskraft.
Die Beweislage ist eindeutig. Schließlich sprang jedes Stück Fleisch einmal
quicklebendig über grüne Wiesen, lauerte gespannt im Unterholz oder vergnügte
sich beim Spiel in kristallklaren Bächen, naja tendenziell jedenfalls. Aber
gelebt hat es, soviel ist gewiss, und eben diese animalische Kraft, dieser Wille
zum Leben, der zuckt noch irgendwo in den roten Fasern auf unserem Teller.
Deshalb mögen wir es auch besonders halbdurch und vom Rind.
Klar, Rind ist besser. Hat zwar auch nicht mehr gelebt als ein Hühnchen, aber
irgendwie kräftiger. Du bist, was du isst, so ist es doch, und beim Rind, da
ist eben noch der Stier drin und beim Hühnchen nicht. Deshalb ist Rind top,
Schwein geht noch und Huhn wenns sein muss. Man sieht's ja schon an der Farbe:
blutrot ist noch voller saftig-frischer Lebenskraft, Schwein wirkt dagegen schon
etwas fade und Huhn erinnert kaum noch an richtiges Fleisch. Noch besser wär
natürlich etwas richtig wildes: Bär oder so, wie's die Indianer gemacht haben.
Rohes Fleisch vom selbst erlegten Bären: das ist Leben.
Fleisch essen, das ist kämpfen, siegen und einverleiben. Das ist der verbissene
Kampf des Jägers mit seiner Beute, das ist der Stierkampf in der Einbauküche,
nur mit einem Messer bewaffnet. Sollen die Schlappschwänze doch Möhren sähen,
wer den Mut hat, sich dem Leben zu stellen, der isst Fleisch.
Nun allerdings sind auch im Fleisch ein paar Buchstaben aufgetaucht, nämlich
drei: BSE. Der Stier, pardon, das Rind hat mit einer überraschenden Finte den
Kampf gewendet und das mit einer ganz unrindischen Heimtücke. Anstatt fair und
mit offenen Hörnern den, wenn auch aussichtslosen, so doch zumindest
ruhmreichen Kampf zu suchen, fraß es heimlich seinerseits die Schafe und mit
ihnen diese fiesen kleinen drei Buchstaben, die einem jetzt den Rindsverzehr so
verleiden.
Als das Rind das blöde Schaf fraß, mutierte es zur wahnsinnigen Kuh, die uns
nun mit irrem Blick vom Teller entgegen starrt. Und wer isst schon gern verblödete
Kühe, die ja schon ohne Hirnlöcher nicht gerade als Ausgeburt an Tatkraft und
Tapferkeit gelten. Welch gewaltiger Imageschaden für das hochgeschätzte Rind.
Und schlimmer noch: der Kampf ist auf dem Teller nicht geschlagen. Das genüsslich
in die roten Fasern dringende Messer, das siegreiche Zerkauen und das
vertilgende Verdauen, es sind nur Pyrrhussiege, denn anstatt sich geschlagen zu
geben und seine Lebenskraft dem Sieger zuzureichen kämpft das Tier in unserem
Innern weiter. Nicht Lebenskraft war's, die wir verdauten, dem Wahnsinn haben
wir das Tor geöffnet, der uns jetzt seinerseits von innen heraus verzehren
kann. Und wir sind ihm hilflos ausgeliefert. Mit viel Zeit und Genuss frisst er
Löcher in unser allzu weiches Hirn. Das Fleisch, das wir uns einverleiben,
verdaut uns selbst. Das Gegessene isst zurück.
Wie immer wird dem Helden die feige Intrige zum Verhängnis. In offener Schlacht
wären wir niemals besiegt worden, aber bei soviel Hinterlist heißt es mit
Bedacht vorgehen. Es gibt nur zwei Optionen: entweder wir warten geduldig ab wie
der Jäger im Gebüsch und wenn die Kuh zu tanzen aufgehört hat und sich wieder
benimmt wie man es von einer anständigen Beute erwarten kann, dann schlagen wir
zu. Oder wir stellen uns aufrecht dem Kampf und beißen uns durch. Was sind
schon ein paar Löcher im Gehirn, ein Zipperlein für einen echten Krieger. (Ja,
wenn uns Impotenz drohte, das wäre etwas anderes.) Jetzt heißt es einen kühlen
Kopf bewahren und sich nicht irre machen lassen und dass die Briten nicht alle
Tassen im Schrank haben, das wussten wir doch schon immer. Also, Männer, auf in
die nächste Runde. Und du Steak hör auf zu grinsen!
(fmh)
Hirsch-Gulasch
Die Lodenträger mit Flinte haben feuchte Augen: Manche Verbraucher
zahlen mittlerweile 20 DM für ein Kilo Wildgulasch - inklusive verbotenem
Tiermehl. Was vor einigen Wochen als Witz in den Kneipen verbreitet wurde, ist
mittlerweile ein Fakt: Das überflüssige Tiermehl, BSE-Erreger bei Kühen, wird
einfach in den Wald gekippt. Dagegen wehrt sich jetzt der Ökologische
Jagdverband (ÖJV). Das mag die Herzen der Liebhaber von Rehrücken und
Hirschragout erfreuen, nicht aber, daß sich der ÖJV auch gegen die Übervölkerung
der Wälder mit Keilern und Böcken wehrt. Förster und Jäger müssen das zarte
Grün mit allerlei Materialeinsatz vor dem Verbiss schützen: Zäune über Zäune
um junge Schonungen, Drahthosen um junge Bäume und eben Zufütterung. Doch das
ist der Preis der Trophäenjagd und Wilddichte. Der ÖJV setzt sich für eine
waldschonendere, natürlichere Besatzdichte ein.
(Hamburger Abendblatt , 5. Feb.)
Aufgesattelt mit Zaumzeug und Sporen
Zwischen 50 und 100 Prozent sei der Absatz von Pferdefleisch allein in
den letzten drei Monaten bundesweit gestiegen, so der Vorsitzende des Deutschen
Verbandes der Pferdemetzger Jens Beerwart laut FAZ vom 13. Februar. Doch
importiert würde bis jetzt noch nicht. Die gemästeten Pferde aus Polen ziehen
weiter nach Südfrankreich und Belgien, wo der Verbrauch an Pferdefleisch
traditionell höher liegt. Fragt sich nur wie lange noch.
"Toros" wandern in den Ofen
Es gibt tatsächlich Regionen, da liebt man wahnsinnige Rinder. In
Spanien, zum Beispiel in den Stierkampf-Arenen. Da wirds erst lustig, wenn das
Viech so richtig mit dem Kopf herumschlägt und ihm der Wahnsinn aus den Augen
glotzt. Seit BSE ist es aber nicht mehr so wirklich lustig wie früher: Hoden,
Ohren und Schwänze, wahre Delikatessen, wandern jetzt nicht mehr in die Mägen,
sondern in die Krematorien der Spanier. Das sind in den 2000 Stierkämpfen
immerhin rund 10.000 Tiere - pro Saison. Den Tieren hinterher in die Röhre
gucken jetzt die Veranstalter der Kämpfe: Ihnen geht ein lukrativer Geschäftszweig
flöten.
(Süddeutsche, 13. Feb.)
Mit Haut und Haar
Der Geschmack des Kannibalen
Die Eingeweide, aus der noch lebenden Brust herausgezerrt, zucken, die Adern
schlagen, und noch pocht angstvoll das Herz [...] er selbst schneidet den
Leichnam zerstückelt in seine Glieder, er trennt ringsum los bis zum Rumpf die
ausladenden Schultern [...] entblößt, der Rohling, die Gelenke und trennt die
Knochen weg [...] An den Bratspießen zischt die Leber; und nicht leicht konnte
ich sagen, ob mehr die Leiber stöhnten oder die Flammen.
(Seneca: "Thyestes", um 30-60 n.Chr.)
Wenn man einen Menschen vollständig vernichten will, dann isst man ihn auf. Nie
kann ein Sieg umfassender sein. Der Andere wird nicht nur seiner Stärke und
seines Lebens beraubt, selbst der Leichnam wird noch zerwirkt, zerkaut und
schließlich verdaut bis nichts mehr übrig ist, mehr noch: selbst der letzte
Rest nährt noch den Sieger, seinen Leib und seinen Triumph.
Kein Akt ist gewaltsamer als das Essen, denn er unterwirft nicht nur, sondern er
verleibt ein und macht das Gegessene zu einer Funktion des Essers. Keine Auflösung
ist vollständiger als die Verdauung, denn sie löst ihr Objekt in Säfte und
trinkt diese noch bis wirklich nichts mehr übrig ist. Ein absoluter Akt
jenseits aller Schranken.
Als man unter Kultur noch Gesittung verstand und sich der zivilisierte Mensch
dadurch vom Wilden unterschied, dass er sich selbst beherrschte, galt der
Kannibale als der Inbegriff der Wildheit. Fassungslos beobachtet der kultivierte
Robinson Crusoe das kannibalische Ritual und beschaut
"Blut, Knochen, Fleischreste von menschlichen Körpern, die diese Untiere
unter Belustigungen und Spielen gefressen und verschlungen hatten." Soviel
Barbarei lässt ihn sogar kurzzeitig an seinem Glauben zweifeln: "Wie war
es möglich, daß der weise Lenker aller Dinge bei seinen Geschöpfen eine
derartige Unmenschlichkeit zuließ, diese entsetzliche Roheit, die eigene Art
aufzufressen, die selbst die Grausamkeit des Tieres noch übertraf?" Der
Mensch ohne Kultur ist schlimmer als die wilden Tiere, denn diese töten nur aus
Hunger, Robinsons Kannibalen aber hatten ihre Artgenossen unter Belustigungen
und Spielen gefressen. Das allerdings ist ein starkes Stück: der Kannibale schämt
sich nicht mal seiner Tat, er hat auch noch Spaß dabei! Ein schlimmer Angriff
auf die bürgerlichen Werte Robinsons, dem doch gerade Sparsamkeit und Genügsamkeit
das Überleben sichern sollen. Er hat Glück: seine anfänglichen
Gewaltphantasien, die ihn selbst zum Mörder gemacht hätten, kann er verwerfen
als Defoe ihn Freitag retten lässt. "Endlich kam er ganz her, warf sich
wieder auf die Knie nieder, küßte den Boden und legte seinen Kopf auf die
Erde, sodann ergriff er meinen Fuß und setzte sich ihn auf den Kopf." So
ist es recht. Robinsons Welt ist wieder in Ordnung und er lässt die Kannibalen
Kannibalen sein und widmet sich ganz der Erziehung seines Schützlings. Einmal
noch hat die Kultur gesiegt, doch für wie lange?
Der Kannibale genießt sein Essen. Er schwelgt im Fleisch, lässt sich das Blut
lustvoll aus den Mundwinkeln rinnen und reißt dem Opfer das Herz mit bloßen Zähnen
heraus. Er ist kein Mörder im gewöhnlichen Sinne. Er ist keiner der
"jemanden bei Seite räumt" oder der "über Leichen geht",
im Gegenteil: er zerrt die Leichen aus den Seiten und setzt sich mitten rein.
Der Mörder tötet beiläufig, weil Menschen ihm zur Erreichung seines Ziels im
Wege sind, für den Kannibalen ist der Mensch das Ziel. Er widmet sich ganz
seinem Opfer, das ihm zur Beute wird:
Mit einem Gefühl der Billigung und der Wohlgefallens wird die Beute betrachtet,
beobachtet, bewacht; als Fleisch gesehen, da sie noch lebt; so intensiv und
unwiderruflich als Fleisch gesehen, daß nichts einen je davon abbringen könnte,
es auch zu erlangen. Während dieser ganzen Zeit, in der man um sie
herumschleicht, fühlt man schon, wie sehr sie einem gehört; von dem Augenblick
an, da man sie zur Beute bestimmt hat, ist sie einem in der Vorstellung schon
einverleibt."
(Elias Canetti: "Masse und Macht")
Die Fleischwerdung des Opfers entkleidet es seiner Menschlichkeit. Es ist nur
noch bloßes Objekt der Lust des Kannibalen, ist ihm und seiner Befriedigung
vollständig untergeordnet. Das macht den Kannibalen, ähnlich wie den
Vergewaltiger, zur Verkörperung des absoluten Bösen. Das Genusshafte seiner
Lust und die Maßlosigkeit, mit der er diese umsetzt, kennen weder Gewissen noch
gesellschaftliche Schranken. Dem Kannibalen wird die Welt zum Schlaraffenland
voller saftiger Steaks, von denen er sich nur noch eines aussuchen muss. Der
Vergewaltiger ist Triebtäter, der Kannibale aber ist Genusstäter.
Da verwundert es nicht, dass in einer Konsumwelt, wo viel Geld damit verdient
wird, dass Menschen ihren Genuss wichtiger nehmen als ihre Moral und ihren
Kontostand, der Kannibale allmählich vom Schreckensbild zum Antihelden wurde.
Hannibal Lecter ist Genusstäter. Er ist nicht von Ängsten getrieben und auch
nicht von Gier. Er genießt, lässt sich Zeit, zerlegt und zelebriert. Er ist
ein guter Kannibale. Man erregt sich über die Gewalt des Films und den Ekel,
das wirklich gefährliche aber ist der gezeigte grenzenlose Genuss. Hannibal
Lecter ist nicht gewalttätig, er liebt sein Essen und diese Liebe geht ihm über
alle Grenzen: des Gesetzes, der Moral und sogar der göttlichen Ordnung. Der
Film macht es Hannibal leicht: er hat genug an den Unhöflichen, den Arschlöchern,
zu essen und dadurch wird sein Verzehr fast zu einer Art Ungeziefervertilgung.
Normalerweise wählen Kannibalen ihre Mahlzeiten mit mehr Geschmack aus. Aber
sei's: Der Kannibale ist der totale Konsument, dem sein Genuss über alles geht.
Leben pur. Essen ohne Reue. Ein Held so ganz nach dem Geschmack unserer Zeit.
(fmh)
Zur Titelseite
jhz, 09.04.02