Und was arbeiten Sie?
Das Recht auf Faulheit und die Dispositive der Macht
Das war ja wieder typisch Schröder. Das Erklimmen analytischer Höhen, von
denen sich ein klarer Blick auf die Arbeit in der Republik eröffnen könnte, fällt
ihm schwer, aber das Stammtischniveau touchiert er mit der Sicherheit eines
Betrunkenen. Es gäbe, so ließ der Kanzler wissen, kein Recht auf Faulheit und
schon balgen sich die politischen Löwen und Löwchen in den Talkshowarenen um
den hingeworfenen Lappen Fleisch.
Lassen wir bei Seite, dass der Kanzler hier ein feudales Rechtsverständnis
offenbart, das man sonst eher bei der CDU (keine Rechte ohne Pflichten) antrifft
und bekümmern wir uns auch nicht darum, dass es eigentlich nicht die Aufgabe
des Bundeskanzlers und seiner Regierung ist, Rechte zu oder abzuerkennen,
sondern die Verhältnisse so einzurichten, das niemandes Rechte (z.B. das Recht
auf Arbeit) verletzt werden. Wo er Recht hat, hat er Recht: das Recht auf
Faulheit ist wirklich arg heruntergekommen.
Das ist freilich nicht allein des Kanzlers schuld, sondern vielmehr eine
Entwicklung, die schon seit über 100 Jahren zu Recht beklagt wird. War es
vielleicht der protestantische Geist, der seine Arbeits- und Sparsamkeitsethik
als Waffe gegen den Müßiggang von Adel und Klerus erhob? Hat die Profitgier
des Kapitalismus die Menschen zu Arbeitssklaven degradiert? War es die
antiintellektuelle Propaganda des Marxismus-Leninismus, die im tätigen Arbeiter
die einzig wertvolle Daseinsform des politischen Subjekts erkannte? Hat die
Globalisierung die Wettbewerbe so verschärft, dass jeder einzelne besser sein
und mehr schaffen muss als 6 Milliarden Konkurrenten? Oder ist endlich unser
Menschenbild so maschinenhaft geworden, dass wir Dasein nur noch in
Leistungsbilanzen ausdrücken können? Ich weiß es nicht und wahrscheinlich ist
es ein bisschen von allem.
Jedenfalls ist das Faulenzen mächtig unter die Räder gekommen. Allenthalben
wird Front gemacht gegen nichtsnutzige Individuen, die sich nicht für andere
krumm legen, sondern sich die Sonne auf den Bauch scheinen und ansonsten den
lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Das heißt, solange sie das „auf
anderer Leute Kosten“ tun, wie Arbeitsminister Riester erläuternd nachschob.
Wer also viel Geld geerbt hat oder etwa durch Immobilienspekulationen reich
geworden ist, der soll gern dem Müßiggang frönen, wer aber seine Existenz
lediglich Gottes Gnade verdankt, dem ist wohl abzuverlangen, dass er noch einige
irdische Kilojoule drauflegt, bevor auch wir ihn annehmen.
Und das ist eben die Kernfrage an der ganzen Sache: wie eigentlich muss ein
Mensch beschaffen sein, damit wir ihn als Mitmensch und Mitbürger anerkennen.
Denn das ist doch der eigentlich eröffnete Diskurs: Faule dulden wir bei uns
nicht (sollen doch für 6 Mark die Stunde schuften wie die Polen). Genauso wenig
wie wir Verfolgte bei uns dulden, die nicht mal 5.000 Mark für ein Flugticket
(oder 10.000 für einen Schlepper) haben, oder Freidenker, die nicht das Loblied
des Kapitalismus singen, oder Menschen, denen der deutsche Stolz im Halse
stecken bleibt, oder Wendländer, die der Einlagerung 50.000 Jahre lang
strahlenden Mülls nicht mit einem Plakat am Straßenrand zusehen können.
Klassische Ausschlussdiskurse, wie sie die Moderne zu dutzenden hervorgebracht
hat.
Über eine solche „Ausschließungsmaschinerie“ (ein Begriff von Michel
Foucault, der sich intensiv mit Diskurs- und Machtanalyse beschäftigt hat und
damit die Wahrheitsproduktion der Wissenschaften beschreibt) werden
Wahrnehmungsweisen geprägt und soziale Wirklichkeit geschaffen. Sie
installieren Dispositive der Macht, die den sozialen Körper überziehen und Lüste
und Bedürfnisse produzieren.
Man kann vom Kanzler wohl nicht verlangen, dass er die Bedingungen seiner Macht
öffentlich reflektiert. Aber man kann von ihm verlangen, dass er diejenigen
unterstützt, die Schwierigkeiten haben, ihr Recht auf Arbeit einzulösen,
anstatt Menschen zu diffamieren, die er nicht kennt. Da kann man nur mit Hannah
Ahrendt immer wieder sagen: „Die Würde des Menschen ist antastbar.“
(fmh)
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jhz, 09.04.02