Das Ende ist fern
Gedanken zum Jahreswechsel
Der Kalender ist eine Landkarte. Er zeigt uns einen Ort im Kosmos, rot umrahmt: IHR STANDORT, unser Standort. Davor die Zeiten, an denen wir gewesen sind:
Geschichte. Danach die Zeiten, an denen wir sein werden: Zukunft. Der Kalender breitet die Topographie der Zeit vor uns aus, benennt Landmarken
- Monate, Wochen, Tage - und zeigt Wege. Einer ist der richtige. (Verbinde die Zahlen der Reihe nach und es entsteht dein Lebensweg; Ende offen.)Der Kalender gibt uns auch Raum, darin zu wohnen. Jeder Tag ein Kästchen. Mein Raum, meine Gegenwart. Ein Fenster an dem man stehen kann und in das schwarzkalte All schauen, wo es keine Grenzen gibt und keine Zeit. Eingefroren auf null Grad Kelvin.
Doch mein Kalender schützt mich vor dem horror vacui, dem Leben ohne Zeit. Er sagt mir, wo mein Tag anfängt und wo er endet. Ein dünner Strich, eine neue Zahl, ein neuer Raum. Carpe diem. Ich nehme einen Stift und fülle meinen Tag mit Leben. Ein Termin? Nein? Dann male ich eben ein paar Blumen. Schön bunt, ein ausgefüllter Tag..
Über der Landschaft hängt ein Himmel und über dem Kalenderland stahlt die Zahl. In megagroßen Lettern: 1999. In wenigen Tagen wird der Himmel sich in Flammen auflösen. Hunderttausende von Raketen werden ihn durchschneiden und zerbrechen. Und er wird fallen. Solvet saeculum in favilla. Apocalypse, selbstgemacht. Seit der Mensch Gott mordete und sich selbst auf den Thron setzte, laboriert er an seinen
Wundern: Schöpfung, Tod, Weltende. Die Apokalypse klappt ja schon ganz gut. Die doppelte Generalprobe 1945 war ein echter Knaller. Seitdem halten wir das Fegefeuer auf Zündflamme. Für die Anderen versteht sich, denn wir sind ja unschuldig. (Dummheit schützt vielleicht nicht vor Strafe, wohl aber vor Schuld.) Die Schöpfung ist in Arbeit, den Tod besorgen wir uns selber und wenn nötig auch den anderen. Nur die Erlösung kommt. nicht recht voran. (Vielleicht hilft ein
Wettbewerb: Schicken Sie Ihre Vorschläge einfach an die große ARD-Fernseherlösung (düdeldü). Als Hauptgewinn locken Einmillion Mark oder zehntausend Mark Sofortrente, zahlbar bis zum freiwilligen oder unfreiwilligen Ableben.)
So sitzt der Mensch greinend auf dem göttlichen Thron und fordert seinen wohlverdienten Spaß. Nur von wem?
Hinter dem zerplatzten 1999er-Himmel wartet schon der neue. Größer, schöner, runder: 2000. Ein Kalenderhimmel, denn das Jahrtausend endet erst in 12 Monaten, aber eben ein neuer Himmel. Wir nennen das neue Jahr trotzdem schon mal Millennium, das klingt bedeutend. Zweitausend Jahre Kulturgeschichte und was haben wir erreicht? Eben! Das Millennium, das haben wir erreicht und das ist doch auch schon was. (Wozu Utopien? Hauptsache alle haben ihren Spaß!) Hunger, Elend, Unterdrückung? Iwo, da bauen wir uns halt unsere eigene Welt. Cyber, versteht sich. Und wenn sie uns nicht mehr gefällt oder irgendwie dumm kommt, dann drücken wir Reset und weg isses. (Nur keine Spuren hinterlassen. Spuren führen immer zum Mörder. Wir aber wollen unschuldig bleiben! Gibt es eine Spur des Guten?)
Die Informatiker lieben es kurz. Millennarische Wortmonumente kosten nur Platz und Zeit. Es geht auch kürzer: y2k. Dahin die rundgefällige Ordnung des Jahr 2000, das seine Nullung so offen-naiv zur Schau trug (strip!). Hier verbergen die Zeichen zugleich, was sie bezeichnen. Ein Kürzel, Mnemotechnik. Was wir nicht verstehen, können wir zumindest benennen. Das benamste wird operabel. (Zauberformel. Nur der Eingeweihte kann sie lesen.) Man kann es besetzen, besitzen, Geld damit verdienen. (Was will man mehr?)
Inhalte sind nicht wichtig. Gibt es sie überhaupt? Und wenn ja, ist ihre Existenz beweisbar? (,,Es gibt eine Lösung", sagt der Mathematiker und widmet sich dem nächsten Problem. Postmoderne Beliebigkeit.)
Mein Kalender beweist: Es gibt eine Zukunft.
Q.E.D. Das muss genügen.
Und wenn auch hinter dem Himmel nur ein weiterer Himmel ist. Ewige Gegenwart: das Fegefeuer der Erlebnisgesellschaft. Ad infinitum!?
(fmh)
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