Agoraphobe
Demokratie
Von der abwesenden Öffentlichkeit.
Die griechische Polis gilt als die Wiege der Demokratie, obwohl wir sie
genausowenig wirklich demokratisch nennen würden wie sie uns. Für uns
scheitert die griechische Demokratie am Fehlen eines allgemeinen Wahlrechts
(Frauen und Sklaven waren ausgeschlossen), für sie scheitern wir am Fehlen
einer Öffentlichkeit.
In der von Kleisthenes in Athen eingeführten Demokratie (Demos=Volk, kratos=Herrschaft)
spielte der zentrale Platz (Agora) eine wichtige Rolle. Hier kamen regelmäßig
alle Bürger zusammen, um über Fragen der Politik zu diskutieren. Ein gewählter
„Rat der 500“ fällte dann die Entscheidungen.
Mit der Idee der freien Rede - jeder Bürger durfte auf dem Platz sprechen und
musste angehört werden - erfanden die Griechen zugleich mit der Demokratie auch
die Öffentlichkeit als politisches Instrument der Willensbildung, und das nicht
zufällig. In der Öffentlichkeit verbirgt sich der Corpus der Demokratie; hier
wird die demokratische Gleichheit aller Bürger unmittelbar erleb- und hörbar;
das Volk als Ganzes (wie gesagt ohne Frauen und Sklaven) tritt mit sich in
Dialog und wird Subjekt der politischen Debatte.
Davon sind wir heute ein gutes Stück weit entfernt. Die Öffentlichkeit ist zum
Hintergrundrauschen der politischen Debatte geworden und tritt nur gelegentlich
als „öffentliche Meinung“, von Demoskopen („Volksbeschauern“) mühsam
herausgelesen, zu Tage. Von der Vielstimmigkeit und dem Gemeinschaftserleben,
die in der athener Polis geherrscht haben muss, ist wenig geblieben.
Wenn überhaupt noch von einer Öffentlichkeit gesprochen werden kann, dann in
den Medien. Diese geben sich teilweise als politisches Korrektiv und
Gegengewicht zur herrschenden Klasse (investigative journalism), teilweise als
„Stimme des Volkes“. Dabei sind die Medien selbst durchgängig
undemokratisch. Zwar sollte das von den westlichen Siegermächten etablierte öffentlich-rechtliche
Fernsehen ein politisch unabhängiges Medium sein und bekam deshalb über den
bekannten Gebühreneinzug eine eigene Finanzgrundlage, es war aber nicht dafür
geschaffen Öffentlichkeit herzustellen (zu sein), sondern die Öffentlichkeit
politisch unabhängig zu informieren. Außerdem ist mit der Zulassung des
Privatfernsehens auch im Fernsehbereich das eingetreten, was für die
Printmedien schon immer galt, nämlich die Notwendigkeit wirtschaftlich zu
arbeiten. Und das bedeutet nicht nur Abhängigkeit von kommerziellen Geldgebern
mit entsprechend wohlwollender Berichterstattung, sondern auch Abhängigkeit von
der Einschaltquote. Regiert die Öffentlichkeit also trotzdem mit? Die
Agrarpolitik „von der Ladentheke“ (Schröder) und die Medien von der
Fernbedienung aus?
Der französische Philosoph Jean Baudrillard bezeichnet den Öffentlichkeitscharakter
der Medien als antikommunikativ. Die Einwirkungsmöglichkeiten des
Zuschauers/Zuhörers sind begrenzt. Die Medien reden zwar auf ihn ein und sagen
ihm, was er hören will, er selbst aber kommt nicht zur Sprache bzw. nur nach
von den Medien vorgegebenen Spielregeln. Nicht der Zuschauer ergreift das Wort,
sondern das Medium bindet den virtuellen Zuschauer in seine Darstellungs- und
Vermarktungskonzepte ein. Dieser Auswahlprozess wird in manchen Medien durchaus
lustvoll zelebriert: z.B. im „roten Knopf“ der RTL2-Gameshows.
Aber auch „die Öffentlichkeit“ ist in den Medien pseudopräsent. Sie taucht
als Publikum in Shows und Diskussionrunden auf und darf - in Einzelfällen -
sogar Fragen stellen. Auch dies ist natürlich keine Öffentlichkeit im
eigentlichen Sinne, es ist eine inszenierte Öffentlichkeit, die dem Zuschauer
vorgaukelt, das Geschehen spiele sich in einer Art „öffentlichem Raum“ ab.
Die Bühne ist Bühne und spielt ihr eigenes Publikum gleich mit, während das
wirkliche Publikum stumm in dunklen Fernsehzimmern vor sich hindämmert.
Viele Basisdemokraten (das Wort selbst ist schon paradox) erhoffen sich auch von
den kommunikativen Möglichkeiten des Internet eine Vitalisierung der Öffentlichkeit.
Tatsächlich bietet das Internet wie kein Medium zuvor die Beteiligung aller.
Jeder kann, via homepage, eigene Inhalte problemlos publizieren und die Meinung
Anderer lesen. Die Netcommunity selbst hat eine zutiefst demokratische (wenn
auch unpolitische) Auffassung von freier Meinung und hat sich immer wieder gegen
Versuche der Zensur zur Wehr gesetzt. Leider hat das Recht auf freie Meinungsäußerung
zur Zeit in Deutschland in den allgemeinen „Gegen Rechts“-Debatten einen
schweren Stand. Die entscheidende Frage, wer mit welchen Mitteln Äußerungen
kontrollieren darf, wird dabei viel zu wenig beachtet. Daneben hat es die
herrschende Politik (absichtlich?) versäumt, das Internet als wirklich
demokratisches Medium zu etablieren. Denn das hieße nicht nur freien
(unzensierten und kostenlosen) Zugang für alle inkl. Bereitstellung der
technischen Voraussetzungen, sondern auch eine unkommerzielle Organisation.
Stattdessen greift, gestützt vom allgemeinen Privatisierungsrausch und
E-Business-Hype die Kommerzialisierung und Privatisierung des Internet immer
weiter um sich. Aber das steht auf einem anderen Blatt.
Was also heißt Öffentlichkeit und wie kann sie organisiert werden? Eine Öffentlichkeit
muss sein wie ein weiter Platz: jeder muss darauf Platz finden und das Wort
ergreifen können und jeder muss angehört werden. Diejenigen, die etwas tun, müssen
sichtbar sein und diejenigen, die etwas tun wollen, müssen dazutreten können.
Ein solcher Platz nimmt einen gewissen Raum ein, typischerweise im Zentrum des
Gemeinwesens. Die WG hat ihren Gemeinschaftsraum, die Selbstverwaltung ihren
Hausrat, das Dorf (früher) seinen Dorfplatz. Je größer die Gemeinschaft,
desto stärker muss Öffentlichkeit aber organisiert werden. Die Realität der
Teilhabe wird zur Virtualität (i.e. Möglichkeit) der Teilhabe. Das
Planungsprojekt ZOB mit seinem „Runden Tisch“ ist ein Beispiel dafür.
Auch der KulturOst, wie ich ihn mir wünsche, könnte ein solcher Platz sein:
Ein offenes Forum für Gedanken- und Meinungsaustausch; ein Ort, wo politische
Prozesse transparent werden und Außenstehende eine Plattform finden,
einzusteigen und mitzugestalten.
Macht, auch demokratische Macht, kann immer nur von wenigen tatsächlich ausgeführt
werden. Darum sind für eine Demokratie die Zugänge zu den
Entscheidungsprozessen von zentraler Bedeutung. Eine Demokratie ohne
funktionierende Öffentlichkeit ist wie ein Zugverkehr ohne Bahnhöfe: im
Prinzip kann jeder mitfahren, man müsste nur wissen, wie man zusteigen kann.
In diesem Sinne sehe ich im KulturOst auch ein politisches Projekt und werde
mich für dessen Verwirklichung auch weiterhin einsetzen. Auf die nächsten 100
Ausgaben!
(fmh)
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jhz, 09.04.02