Ich glaube, ja.
Der Anblick des in sich zusammenstürzenden World Trade Centers hat schockiert.
Aber warum eigentlich?
Kommen nicht ständig auf der Welt aus anderen Gründen weit mehr Menschen um's
Leben, z. B. durch Hunger, Aids und Krieg (z. B. Vietnam: 3 Mill.)? Es können
also nicht die New Yorker Toten sein, die den Schock ausmachten, auch wenn sich
auf diese das große, durchgängige Gejammer unserer Medien zumeist bezog.
Oder hat ein amerikanischer Toter einen anderen (höheren?) Wert als ein
anderer? Dabei starben ja gar nicht nur Amerikaner, sondern Menschen aus aller
Herren Länder, die allerdings eines gemeinsam hatten: Sie arbeiteten in der
(Welt-) Wirtschaft. Und da kommen wir dem eigentlichen Grund unserer
Schockiertheit näher.
Das WTC war Symbol unseres gemütlichen, luxuriösen, vermeintlich sicheren und
freiheitlichen Lebensraumes, unserer "zivilisierten Welt". Von einem
Angriff auf letztere sprachen denn auch sofort alle wichtigen Politiker nach dem
Ereignis, als hätten sie sich abgesprochen (haben sie vielleicht?).
Aber mit welchem Recht geht es uns denn besser als dem Rest der Welt?
Und ist es bei uns wirklich so viel sicherer und freiheitlicher? Angesichts
momentan großer Diskussionen um unsere innere Sicherheit habe ich da schon mal
Zweifel. Und frei, sind wir wirklich frei? Müssen wir uns nicht ständig den
moralischen Vorstellungen unserer Gesellschaft anpassen? Müssen wir nicht damit
rechnen, für Meinungsäußerungen mit Polizeiknüppeln und anderen
Freiheitseinschränkungen sanktioniert zu werden? Müssen wir uns nicht an eine
immer enger werdende Arbeitswelt anpassen und Jobs machen, die unseren
Lebensvorstellungen widersprechen, nur um die Kohle für unsere Wohnung, unser
Essen und ein wenig Vergnügen zusammenzubekommen?
Vergnügen ist denn wohl auch das, worin sich die meisten flüchten. In unserer
schönen, zivilisierten Welt ist ja für jeden etwas erschwingliches dabei:
Video, Computer, Handy etc. - Leckeres Essen und schicke Kleidung sind auch
nicht zu teuer, auch wenn sie aus umweltzerstörenden Agrarfabriken, ungerechtem
Handel und der Erzeugung in Kinderarbeit stammen. - Und so wird es wohl auch
keine Revolutionen mehr geben.
Stattdessen gibt es nun Terrorismus.
Tatsächlich: Eine neue Zeit ist angebrochen.
Die Welt war noch nie sicher, sicher war schon immer nur der Tod. Nun haben wir
also eine große, "zivilisierte Welt", in der alle gegen den einen großen
Terrorismus zusammenhalten. "Willkommen" neues Feindbild! - Als ob es
"gute" und "schlechte" Menschen gäbe, und dieses durch
menschliche Kriterien verifizierbar wäre. Ich sehe auf jeden Fall überall nur
Gewalt, bei den vermeintlich Guten und bei den vermeintlich Schlechten.
"Schlecht" sind jeweils die anderen.
Ist doch ganz einfach. Die neue Weltordnung.
Hamburg, 15.1.02, AM
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jhz, 09.04.02